Alltagsglaube

Erlebter Glaube
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Lobo

Alltagsglaube

#1 Beitrag von Lobo » 22.11.2008, 15:38

all
Als na-Christ kenne ich folgende Aussage vom Altar: "Das Gehörte aus dem Gottesdienst, als Nachbereitung, auf die Mühle des Geistes legen."

Meine Fragen dazu: Welchen Stellenwert haben
- Glauben
- Glaubensgespräche
- Gottesdienstreflexionen
- Tageslosung
- Bibellesungen etc.
noch für jeden Gläubigen persönlich?

Für meine Person stelle ich fest, dass die vorgenannten Punkte oftmals im Alltag untergehen. Zum anderen fehlt es in der Regel an Kraft und Zeit, nach einem ereignisreichen Tag tiefgehende Glaubensgespräche zu führen.

Gruß
Lobo

abendstern_
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#2 Beitrag von abendstern_ » 23.11.2008, 08:49

Guten Morgen Lobo,

ich bin zwar kein na-Christ (mehr) sondern nur noch einfacher Christ, aber deine Äußerungen kann ich aus meiner früheren Glaubensweise gut nachvollziehen. Ich hatte oft ein schlechtes Gewissen, weil ich die an mich gestellten Anforderungen und Vorstellungen meiner Kirche nicht erfüllte. Ich hatte zudem einen Glauben, der, wie soll ich das nennen, feste Tageszeiten hatte. Also Sonntags und Mittwochs war Gottesdienst, da war Glaube angesagt, morgens und abends wurde gebetet, da war Glaube angesagt. Wenn dabei einmal aus Zeitgründen "geschludert" wurde, war sofort das schelchte Gewissen da und die Angst, Gott könnte mir jetzt seinen Engeschutz entziehen, weil ich ja nicht genügend gebetet hatte.

Ansonsten gab es im Alltag wenig, was mit Glaube zu tun hatte. Die Bibel war lange Jahre ein nagelneues Buch, das ich mal zur Hochzeit geschenkt bekommen hatte und das seitdem im Schrank stand und der Goldschnitt glänzte wie am ersten Tag. Bei "Familienbesuchen" wurde sie auf den Tisch gelegt und der Amtsträger schlug sie auf und las ein paar Zeilen daraus vor. Das war dann auch ein bisschen Glaube, kam allerdings nur sehr unregelmäßig vor. Ich las noch "UF", aber um ehrlich zu sein, die GD-Berichte fand ich langweilig und ich las sie kaum mal, und die Erlebnisse waren auch immer nach der gleichen Art gestrickt. So richtig gefesselt hat mich das nie.

Seitdem hat sich viel verändert. Mein Sonntagsglaube hat sich verändert, er ist alltagstauglich geworden. Er ist ein Teil von mir geworden und ich muss mir deshalb keine festen Zeiten mehr vornehmen, die ich dem Glauben widme, und dann ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich sie mal wieder nicht einhalte.

Wenn ich Durst habe, trinke ich. Ich warte dann nicht, bis eine bestimmte Zeit gekommen ist, sondern ich stille meinen Durst und es ist dann auch nicht wichtig, ob ich frisch gepressten O-Saft trinke oder Leitungswasser.

Wenn ich das Bederüfnis nach spiritueller Nahrung habe, dann hole ich sie mir, in Form eines Buches, von dem ich weiß, dass ich darin Gehaltvolles finde, in Form von Nachdenken, manchmal auch durch Bibellesen. Meine Bibel ist keine Sonntagsbibel mit Goldschnitt mehr, sondern ein schlichtes Taschenbuch mit vielen Vermerken am Rand, mit Post-its, mit Eselsohren. Sie wird gebraucht und sieht auch so aus.

Ich finde meinen Glauben häufig auch in der Musik. Momentan übt der Chor in dem ich mitsingen darf, eine Schubert-Messe. Gestern abend legte ich die CD ein und übte für mich noch einwenig. Das Singen ist für mich wie ein Gebet, eine Möglichkeit, Gott z u loben und zu rühmen und zu danken, die Sünden zu bekennen und das Dona Nobis pacem am Schluss kommt auf tiefster Seele. Eine Bachkantate kann mehr auslösen als ein Gottesdienst. Ich kann es nicht anders beschreiben. Ich habe mir eine Zeitschrift gesucht und abonniert, die mir die Nahrung gibt, die meine Glaube und meine Seele braucht und diese lese ich regelmäßig und mit Begeisterung und es ist kein "muss" sondern wie selbstverständlich schaffe ich mir Zeit für diese Lektüre und freue mich den ganzen Tag auf diese Stunde.

Gottesdienste müssen nicht "nachbereitet" werden, denn sie lösen in der Regel etwas in mir aus, was dann weiter wirkt. Sie packen mich sozusagen, geben mir Impulse mit ins Alltagsleben hinein.

Beten kann ich zu allen Tages- und Nachtzeiten, nämlich dann wenn mir danach ist, wenn ich das Bedürfnis habe, mit Gott zu reden. Ich muss kein schlechtes Gewissen mehr haben, weil meine Gebete und meine Gebetszeiten nicht den Vorstellungen anderer Menschen entsprechen.

Ich benutze jetzt mal das leider etwas überstrapazierte Wort Spiritualität. Ein spiritueller Mensch lebt seinen Glauben und räumt ihm nicht bestimmte Zeiten in seinem sonstigen Leben ein. Das hat viel mit Achtsamkeit zu tun, mit dem wie man mit sich selbst und seinen Mitmenschen umgeht, welchen Bezug man zur Natur hat, zu dem Mitgeschöpfen. Es hat auch etwas mit unseren Defiziten zu tun, die wir nicht mehr schuldbewusst verdrängen müssen, sondern die wir annehmen dürfen als zu uns gehörend.

Diese Art, den Glauben zu leben, mag für einen Christen, der auf das Einhalten von Regeln und Gebote bedacht ist und der jeden Tag sozusagen seinen Glauben "abarbeitet" chaotisch wirken. Aber sie ist echter als der Glaube nach Stundenplan.

Mir fällt sicher noch mehr ein, aber jetzt brauche ich erstmal ein Frühstück :)

Einen schönen Sonntag
abendstern_

tergram

#3 Beitrag von tergram » 23.11.2008, 13:59

Liebe abendstern_ ,

Herzlichen Dank für diese beeindruckende Predigt.

Amen.

t.

Dieter

#4 Beitrag von Dieter » 23.11.2008, 17:41

Liebe abendstern_

Deine Predigt hat mir gutgetan und ich kann wie tergram auch nur Amen dazu sagen.

Dieter

abendstern_
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#5 Beitrag von abendstern_ » 27.11.2008, 11:02

Ich schaufle dieses Thema mal nach oben, weil es zu wichtig ist, um so rasch wieder unter zu gehen...

Ich wäre an euren Erfahrungen interessiert...

.... und Lobo sicher auch :)

Lobo

#6 Beitrag von Lobo » 27.11.2008, 11:37

abendstern_ hat geschrieben:.... und Lobo sicher auch :)
...genau. :)

Hallo abendstern,
ich beobachte bei mir, aber auch in meiner näheren Umgebung, dass in der Regel maximal 10-20% der Wochezeit für glaubensbezogene Aktvitäten belegt sind.

Gruß
Lobo

abendstern_
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#7 Beitrag von abendstern_ » 29.11.2008, 17:27

Lobo hat geschrieben:
ich beobachte bei mir, aber auch in meiner näheren Umgebung, dass in der Regel maximal 10-20% der Wochezeit für glaubensbezogene Aktvitäten belegt sind.

Gruß
Lobo
Hallo Lobo, ich hab dieses Thema nicht vergessen, komme aber erst jetzt dazu, dir zu antworten.

Aus deiner Aussage oben ergeben sich bei mir Fragen.

Wieviel Wochezeit findest du denn angemessen für glaubensbezogene Aktivitäten? 25 %? 30 %? 50% ?

Wenn ich jetzt mal von einem 12-Stunden-Tag ausgehe, dann sind das bei 7 Tagen 84 Stunden, 20 % davon wären gute 16 Stunden. Das schaff ich nie und nimmer :)

Und da bin ich beim nächsten Punkt. Darf man den Glauben messen am Verhältnis der glaubensbezogenen Aktivitäten gegenüber den profanen Aktivitäten? Ist jemand, der auf 20 % kommt besser als einer der nur auf 10 kommt?

Und was sind überhaupt glaubensbezogene Aktivitäten? Und wie misst man sie? Mit der Uhr? Eine Stunde Gottesdienst plus sieben mal Abendgebet = 2 Stunden glaubensbezogene Aktivität?

Verzeih, mir fällt gerade der Vergleich mit sportlicher Leistung ein. Da joggt jemand mühsam einmal die Woche, muss sich immer wieder überwinden, es überhaupt zu tun. Und dann kommt einer daher, der das locker dreimal die Woche macht und damit prahlt. Und schon hat der Einmaljogger ein schlechtes Gewissen und versucht sich zu steigern. Dabei wäre für ihn vielleicht ein anderer Sport viel geeigneter, vielelicht würde der ihm mehr Spass machen und er würde sich nicht so quälen?

Oder jemand merkt, dass er zuwenig Zeit in seine Beziehung investiert. Er versucht das zu steigern, von täglich 15 Minuten auf täglich 30 Minuten und fühlt sich dann besser. Ob dieses Denken wirklich der Beziehung zugute kommt? Im Grunde müsste dieses Bedürfnis doch aus dem Inneren kommen, man möchte möglichst oft mit dem Partner zusammen sein.

Wie ich in meinem letzten Beitrag schon zu erklären versuchte, ist für mich Glaube nichts abgetrenntes von meinem restlichen Leben. Ich kann das nicht trennen und sauber sortieren und dann sagen "25 : 75. toll, ich bin zufrieden".

Kannst du meine vielen Fragen beantworten?

dietmar
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#8 Beitrag von dietmar » 29.11.2008, 18:46

die frage ist,was sind für dich glaubensaktivitäten?
gedanken,während der arbeit usw.?oder nur die organisierten,nach aussen wahrnehmbaren?

abendstern_
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#9 Beitrag von abendstern_ » 30.11.2008, 08:37

dietmar hat geschrieben:die frage ist,was sind für dich glaubensaktivitäten?
gedanken,während der arbeit usw.?oder nur die organisierten,nach aussen wahrnehmbaren?
Genau, das müssten wir erstmal klären deshalb auch meine Fragen.

Es ging ja um "Alltagsglaubensaktivitäten" - also außerhalb von Kirche und Co, wenn man den Glauben so einteilen möchte in Sonntag und Alltag. Wie schon geschrieben, ich kann das heute nicht mehr. Ich lebe genau genommen Glauben mehr im Alltag als am Sonntag...

dietmar
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#10 Beitrag von dietmar » 30.11.2008, 19:12

abendstern_ hat geschrieben:
dietmar hat geschrieben:die frage ist,was sind für dich glaubensaktivitäten?
gedanken,während der arbeit usw.?oder nur die organisierten,nach aussen wahrnehmbaren?
Genau, das müssten wir erstmal klären deshalb auch meine Fragen.

Es ging ja um "Alltagsglaubensaktivitäten" - also außerhalb von Kirche und Co, wenn man den Glauben so einteilen möchte in Sonntag und Alltag. Wie schon geschrieben, ich kann das heute nicht mehr. Ich lebe genau genommen Glauben mehr im Alltag als am Sonntag...
dies ist auch erstrebenswert.Den ganzen Tag als Christ bewußt erleben und nicht nur kleine Wochenabschnitte.

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