Stille

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steppenwolf

Stille

#1 Beitrag von steppenwolf » 17.04.2008, 09:15

Die Stille

Die du schon mein Knabenherz entzücktest,
Welcher schon die Knabenträne floß,
Die du früh dem Lärm der Toren mich entrücktest,
Besser mich zu bilden, nahmst in Mutterschoß,

Dein, du Sanfte! Freundin aller Lieben
Dein, du Immertreue! sei mein Lied!
Treu bist du in Sturm und Sonnenschein geblieben,
Bleibst mir treu, wenn einst mich alles, alles flieht.

Jene Ruhe - jene Himmelswonne -
O ich wußte nicht, wie mir geschah,
Wann so oft in stiller Pracht die Abendsonne
Durch den dunklen Wald zu mir heruntersah -

Du, o du nur hattest ausgegossen
Jene Ruhe in des Knaben Sinn,
Jene Himmelswonne ist aus dir geflossen,
Hehre Stille! holde Freudengeberin!

Dein war sie, die Träne, die im Haine
Auf den abgepflückten Erdbeerstrauß
Mir entfiel - mit dir ging ich im Mondenscheine
Dann zurück ins liebe elterliche Haus.

Fernher sah ich schon die Kerzen flimmern,
Schon wars Suppenzeit - ich eilte nicht!
Spähte stillen Lächelns nach des Kirchhofs Wimmern,
Nach dem dreigefüßten Roß am Hochgericht.

War ich endlich staubigt angekommen,
Teilt ich erst den welken Erdbeerstrauß,
Rühmend, wie mit saurer Müh ich ihn bekommen,
Unter meine dankende Geschwister aus,

Nahm dann eilig, was vom Abendessen
An Kartoffeln mir noch übrig war,
Schlich mich in der Stille, wann ich satt gegessen,
Weg von meinem lustigen Geschwisterpaar.

O! in meines kleinen Stübchens Stille
War mir dann so über alles wohl,
Wie im Tempel, war mirs in der Nächte Hülle,
Wann so einsam von dem Turm die Glocke scholl.

Alles schwieg, und schlief, ich wacht' alleine;
Endlich wiegte mich die Stille ein,
Und von meinem dunklen Erdbeerhaine
Träumt' ich, und vom Gang im stillen Mondenschein.

Als ich weggerissen von den Meinen
Aus dem lieben elterlichen Haus
Unter Fremde irrte, wo ich nimmer weinen
Durfte, in das bunte Weltgewirr hinaus,

O wie pflegtest du den armen Jungen,
Teure, so mit Mutterzärtlichkeit,
Wann er sich im Weltgewirre müdgerungen,
In der lieben, wehmutsvollen Einsamkeit.

Als mir nach dem wärmern, vollern Herzen
Feuriger itzt stürzte Jünglingsblut,
O! wie schweigtest du oft ungestüme Schmerzen,
Stärktest du den Schwachen oft mit neuem Mut.

Jetzt belausch' ich oft in deiner Hütte
Meinen Schlachtenstürmer Ossian,
Schwebe oft in schimmernder Seraphen Mitte
Mit dem Sänger Gottes, Klopstock, himmelan.

Gott! und wann durch stille Schattenhecken
Mir mein Mädchen in die Arme fliegt
Und die Hasel, ihre Liebenden zu decken,
Sorglich ihre grüne Zweige um uns schmiegt -

Wann im ganzen segensvollen Tale
Alles dann so stille, stille ist,
Und die Freudenträne, hell im Abendstrahle,
Schweigend mir mein Mädchen von der Wange wischt -

Oder wann in friedlichen Gefilden
Mir mein Herzensfreund zur Seite geht,
Und mich ganz dem edlen Jüngling nachzubilden,
Einzig vor der Seele der Gedanke steht -

Und wir bei den kleinen Kümmernissen
Uns so sorglich in die Augen sehn,
Wann so sparsam öfters, und so abgerissen
Uns die Worte von der ernsten Lippe gehn.

Schön, o schön sind sie! die stille Freuden,
Die der Toren wilder Lärm nicht kennt,
Schöner noch die stille gottergebne Leiden,
Wann die fromme Träne von dem Auge rinnt.

Drum, wenn Stürme einst den Malm umgeben,
Nimmer ihn der Jugendsinn belebt,
Schwarze Unglückswolken drohend ihn umschweben,
Ihm die Sorge Furchen in die Stirne gräbt,

O so reiße ihn aus dem Getümmel,
Hülle ihn in deine Schatten ein,
O! in deinen Schatten, Teure! wohnt der Himmel,
Ruhig wirds bei ihnen unter Stürmen sein.

Und wann einst nach tausend trüben Stunden
Sich mein graues Haupt zur Erde neigt
Und das Herz sich mattgekämpft an tausend Wunden
Und des Lebens Last den schwachen Nacken beugt:

O so leite mich mit deinem Stabe -
Harren will ich auf ihn hingebeugt,
Bis in dem willkommnen, ruhevollen Grabe
Aller Sturm, und aller Lärm der Toren schweigt

Friedrich Hölderlin

http://www.textlog.de/16977.html

steppenwolf

#2 Beitrag von steppenwolf » 17.04.2008, 09:49

Morgengebet

O wunderbares, tiefes Schweigen,
Wie einsam ist's noch auf der Welt!
Die Wälder nur sich leise neigen,
Als ging' der Herr durchs stille Feld.

Ich fühl mich recht wie neu geschaffen,
Wo ist die Sorge nun und Not?
Was mich noch gestern wollt erschlaffen,
Ich schäm mich des im Morgenrot.

Die Welt mit ihrem Gram und Glücke
Will ich, ein Pilger, frohbereit
Betreten nur wie eine Brücke
Zu dir, Herr, übern Strom der Zeit.

Und buhlt mein Lied, auf Weltgunst lauernd,
Um schnöden Sold der Eitelkeit:
Zerschlag mein Saitenspiel, und schauernd
Schweig ich vor dir in Ewigkeit.

Joseph von Eichendorff

http://www.deutsche-liebeslyrik.de/stille/stille3.htm

Katze

#3 Beitrag von Katze » 18.04.2008, 21:02

Das Samenkorn, von der Sonne gesucht, findet immer seinen Weg durch den steinigen Boden... ganz in der Stille.

Ist in meinem heutigen Kalenderblatt so geschrieben.

lg Katze

Anne

#4 Beitrag von Anne » 18.04.2008, 21:31

-> Zur guten Nacht:

Guter Mond, du gehst so stille

Guter Mond, du gehst so stille durch die Abendwolken hin,
deines Schöpfers weiser Wille hieß auf jener Bahn dich ziehn.
Leuchte freundlich jedem Müden in das stille Kämmerlein
und dein Schimmer gieße Frieden ins bedrängte Herz hinein.

Guter Mond, du wandelst leise an dem blauen Himmelszelt,
wo dich Gott zu seinem Preise hat als Leuchte hingestellt.
Blicke traulich zu uns nieder durch die Nacht aufs Erdenrund.
Als ein treuer Menschenhüter tust du Gottes Liebe kund.

Guter Mond, so sanft und milde glänzest du im Sternenmeer,
wallest in dem Lichtgefilde hehr und feierlich einher.
Menschentröster, Gottesbote, der auf Friedenswolken thront,
zu dem schönsten Morgenrote führst du uns, o guter Mond.

Volksweise

tergram

#5 Beitrag von tergram » 18.04.2008, 21:39

REKLAME

wohin aber gehen wir - ohne sorge sei ohne sorge -
wenn es dunkel und wenn es kalt wird - sei ohne sorge -
aber - mit musik -
was sollen wir tun - heiter und mit musik -
und denken - heiter -
angesichts eines endes - mit musik -
und wohin tragen wir - am besten -
unsere fragen und den schauer aller jahre - in die traumwäscherei ohne sorge sei ohne sorge -
was aber geschieht - am besten -
wenn totenstille
eintritt


Ingeborg Bachmann, 1956

steppenwolf

#6 Beitrag von steppenwolf » 19.04.2008, 11:30

Gönne Dir einen Augenblick der Ruhe
und Du begreifst,
wie närrisch Du herumgehastet bist.

Lerne zu schweigen
und Du merkst,
dass Du zuviel geredet hast.

Sei gütig
und Du siehst ein,
dass Dein Urteil über andere
allzu hart war.


(Tschen-Tschin)

Brombär
Beiträge: 1217
Registriert: 28.11.2007, 00:15

#7 Beitrag von Brombär » 19.04.2008, 14:43

DANKE, steppenwolf, für diesen Thread.

In einer Zeit voll kriegerischer Auseinandersetzungen, seelischer wie materieller Not und zunehmender sozialer Fehlentwicklungen tun Gedanken der Stille sehr wohl.


Brombär

nikodemus

#8 Beitrag von nikodemus » 19.04.2008, 15:01

Ach, wie wenig es doch in der Welt erschallt,
"Siehe...der Herr kommt bald."
Drum komm auch du,
denn in IHM findest du zur Ruh`
Willst du den Herrn aber nicht sehen,
wirst auch du ewig verloren gehen.
Jesus spricht: "Wer glaubt wird heil,
und die Krone der Gerechtigkeit wird ihm zu teil.

Dort...auf Golgatha,
so licht und klar.
Am Kreuze hing der Heiland voller Schmerz,
und ruft zu jedem in das Herz,
"Ich starb auch für DICH,
damit du leben sollst, ewiglich"

Lobo

#9 Beitrag von Lobo » 19.04.2008, 16:52

stillegebet



manchmal gott

stoßen wir an deine stille

wenn alle klugen reden

verklungen sind

wenn das leid uns

den mund verschließt

wenn die nacht der sinne

alle worte schwärzt

dann ahnen wir

deine liebevolle gegenwart

in allem was ist

dann hören wir

die worte deines sohnes

mit neuen ohren

dann treibt uns dein geist

zu stammeln und zu seufzen

manchmal gott

schweben wir in deiner stille

und die besten gebete

die wir können

sind stumm vor dir



(René Maria Possél)

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