Und was der Schärfe des Geistes entgeht

Alles rund um die Sondergemeinschaft Neuapostolische Kirche (NAK), die trotz bedenklicher Sonderlehren (u.a. Versiegelung, Entschlafenenwesen mit Totenmission, Totentaufe, Totenversiegelung und Totenabendmahl, Heilsnotwenigkeit der NAK-Apostel, Erstlingsschaft, ..), weiterhin "einem im Kern doch ... exklusiven Selbstverständnis", fehlendem Geschichtsbewusstsein und Aufarbeitungswillen, speziell für die Zeit des Dritten Reiches, der DDR, der Bischoffs-Botschaft ("... Ich bin der Letzte, nach mir kommt keiner mehr. ..."), sowie ihrer jüngsten Vergangenheit und unter erheblichem Unmut ehemalicher NAK-Mitglieder, auch Aussteiger genannt, die unter den missbräuchlichen Strukturen und des auf allen Ebenen ausgeprägten Laienamtes der NAK gelitten haben, weiterhin leiden und für die die NAK nach wie vor eine Sekte darstellt, im April 2019 als Gastmitglied in die ACK Deutschland aufgenommen wird.
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detlef.streich
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Und was der Schärfe des Geistes entgeht

#1 Beitrag von detlef.streich » 18.04.2020, 17:12

In Folge meiner letzten Einstellung mit den Denkanstößen zur Gottesfrage bin ich auf einen Text gestoßen worden, der letztlich zu einer umfangreichen Arbeit geführt hat und eine Möglichkeit beinhaltet, die Gottesfrage auch aus einem wissenschaftlichen Ansatz heraus nicht vollständig ausschließen zu müssen. Vielleicht interessiert das doch den einen oder anderen Leser, so dass der sich durch die 20 Textseiten hindurchliest …

Und was der Schärfe des Geistes entgeht – Physikalische und theologische Betrachtungen zu Eriugenas Schrift „Eintheilung der Natur“; Autor: Detlef Streich 18.4.2020

Gliederung
1. Kirche und Wissenschaft S. 1
2. Naturwissenschaft im Wandel S. 2
3. Quantenphysik und Eriugena S. 6
4. Eriugenas Gottesvorstellung S. 11
5. Und was der Schärfe des Geistes entgeht - Schlussbemerkung S. 15
Anhang: Großzitate aus „Eintheilung der Natur“ ab S. 22

Zu finden unter: https://nak-aussteiger2010.beepworld.de ... m#eriugena

Hier als Anreiz ein Auszug aus Kapitel 3:

3. Quantenphysik und Eriugena
Das Eine? Den Einen? Der Logos (Es werde) als Schöpfergott? Diese Idee ist theologisch schon lange bekannt und wird kirchlich oft diskutiert oder sogar als Argument gebraucht, wenn es um die Schöpfungsursache geht. Aber zu viele Fragen bleiben dabei offen oder die gegebenen Antworten sind widersprüchlich, zu oberflächlich bzw. greifen zu kurz. Viele Menschen versuchen auch, mit dem „Lückengott“ (“god of the gaps” ) die Existenz Gottes zu begründen, indem sie Gott immer dann ins Gespräch bringen, wenn die wissenschaftliche Erkenntnis im Sinne einer Ursache oder Begründung fehlt. Zu frühen Zeiten gab es solche Löcher zu Hauf: Erdbeben, Blitz und Donner, Wetterphänomene, Heuschreckenplage und anderes mehr waren die Löcher, in die Gott mangels naturwissenschaftlicher Erkenntnis als Verursacher dieser Ereignisse projiziert wurde. Dies alles hat aber die Wissenschaft längst beantwortet, der Lückengott ist je nach Bildungsstand überflüssig geworden.
Umso erstaunlicher sind deswegen die nun folgenden, theologisch-philosophischen Aussagen über Gott und das gesamte Sein des Alls, die tatsächlich eine konkrete Nähe zu den Modellen der Quantenphysik und zur Zeit-Raum-Relation der physikalischen Theorie von Albert Einstein aufzeigen. Erstaunlich ist dies insbesondere, weil der Autor zu diesen Erkenntnissen durch rein kognitive Spekulation (eine im Altertum und MA übliche Methode, Wissenschaft zu betreiben und durch Nachdenken und logische Aussagen Ergebnisse zu erzielen), gekommen ist. Noch erstaunlicher ist allerdings, aus welcher Zeit diese Ausführungen stammen. Die Rede ist von Johannes Scotus Eriugena und seinem Werk „Die Eintheilung der Natur.“ So bemerkt Prof. Kurt Ruh in seinem maßgeblichen Standartwerk „Geschichte der abendländischen Mystik“ 2001: „Eriugena gewann so, wie vor allem sein Hauptwerk „Periphysion“ eindrucksvoll kundtut, einen Horizont, der für die Zeitgenossen unerreichbar war. Seine in diesem Buch gezeigte „systematische Leistung sei einzigartig in seiner Zeit und einmalig bis zur Hochscholastik“.

detlef.streich
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Re: Und was der Schärfe des Geistes entgeht

#2 Beitrag von detlef.streich » 24.04.2020, 10:15

Hallo zusammen, ich habe gerade einen sehr hörenswerten Linktipp bekommen und ihn sogar in den Schluss meiner Arbeit eingebaut ...

Da vermutlich aber niemand unter euch lesend tatsächlich den Schluss meiner Arbeit erreichen wird, zitiere ich hier mal daraus:

Mit Hochachtung und Bewunderung stehe ich nun am Schluss der Erörterungen vor einem Mann des 9. Jahrhunderts, einem großartigen und originären Denker, dessen dialektisch streng argumentierten Ausführungen tatsächlich auch über 1000 Jahre danach noch interessant sind und mehrfache Bedeutungen haben können. Seine Erkenntnisse und Beschreibungen einschließlich seines dargelegten Gottesgedankens können durch ihre theologische Besonderheit mit der modernen Physik korrespondieren. Sowohl das ursprünglich materialistische und mechanische Weltbild als auch die überkommenden kirchlichen Welt- und Gottesbilder der Religionen mit ihren imperialistischen Tendenzen sind argumentativ in sich zusammengefallen. Dennoch gibt es natürlich immer noch kämpferische A-Theisten, die einen theistischen Gottesbegriff mit der gleichen absoluten und aggressiven Vehemenz abstreiten, wie die Theisten vieler Konfessionen und Religionen ihn immer noch durchzusetzen versuchen. Wenn aber heute weder die Physik weiß, was z.B. das Universum ist und auch die Theologen, wie am Beispiel des Eriugena gezeigt, nicht mehr über Gott wissen und auch nicht mehr sagen würden, als das er das vielleicht „Allumfassende“ ist, so wäre es möglich, dass „Natur“-Wissenschaft und „Geistes“-Wissenschaft sich nicht als Konkurrenz verstehen müssen, haben es doch beide aus ihrer jeweils eigenen Sicht mit dem konstitutiv Unsichtbaren, vielleicht sogar Unvorstellbaren, Unbeschreiblichen oder letztlich Unerklärlichen zu tun. Ansätze dazu, wenn auch kontrovers und umstritten, gibt es schon (klick hier oder hier). (Was würde z.B. wohl ein Quantenphysiker anmerken, wenn man ihn mit den Formulierungen Eriugenas fragen würde: Kann es ein Ende alles Sichtbaren und Unsichtbaren geben und was könnte das dann sein? Oder anders gefragt: Könnte alles Seiende ins Nichtsein zurückgeführt werden, also dahin, woher es kam?)

Ein fruchtbares Miteinander in gegenseitiger Durchdringung könnte sich am Ende sogar als eine Bereicherung unseres derzeitigen Verständnisses von der Wirklichkeit oder von dem was eigentlich „real(?)“ ist erweisen, denn „nichts ist in menschlichen Beschäftigungen vollkommen, wie ich glaube, während dieses noch finsteren Lebens, Nichts, was jedes Irrthums ledig wäre. [...] Jeder mag in seiner Meinung schwelgen, bis jenes Licht kommt, welches das falsche Licht der Philosophen zum Dunkel macht und die Finsterniss der richtig Erkennenden in Licht verwandelt. (S.414)

Und „jenes Licht“ der Erkenntnis kann durchaus doppelsinnig mit Elementen aus beiden Disziplinen interpretiert werden und sollte hier keinesfalls nur philosophisch gedeutet werden. Vielleicht kommt es irgendwann einmal zu einer gemeinsamen, fundamentalen Ontologie. Dass wir selbst im Wesentlichen aus Sternenstaub bestehen und von und mit Dingen leben, die ohne Sternenstaub einschließlich unseres Planeten ebenfalls nicht wären, ist zumindest aber schon heute absolut sicher! Unser Wissen wird immer Stückwerk bleiben, wie auch Paulus schrieb, ob Liebe aber oder doch nur Hoffnung das vielleicht Letzte sein wird, was uns durchzieht, bleibt jenseits unseres Blickfeldes ( Hohelied als Meditation: https://youtu.be/WxNNqZDE-EI ).

Warten wir also ab, ob das, was der Schärfe des Geistes bisher noch entging, demnächst noch erblickt werden wird und vor allem, wie und ob das Erblickte dann zumindest teilweise gedeutet werden kann. Im Allgemeinen führt aber jede neue Entdeckung neben dem Wissenszuwachs gleichzeitig zu einer viel größeren Zahl neuer Fragen.

Das Schönste und Tiefste, was der Mensch erleben kann, ist das Gefühl des Geheimnisvollen. Es liegt der Religion sowie allem tieferen Streben in Kunst und Wissenschaft zugrunde. Wer dies nicht erlebt hat, erscheint mir, wenn nicht wie ein Toter, so doch wie ein Blinder. Zu empfinden, dass hinter dem Erlebbaren ein für unseren Geist Unerreichbares verborgen sei, dessen Schönheit und Erhabenheit uns nur mittelbar und in schwachem Widerschein erreicht, das ist Religiosität. In diesem Sinne bin ich religiös. Es ist mir genug, diese Geheimnisse staunend zu ahnen und zu versuchen, von der erhabenen Struktur des Seienden in Demut ein mattes Abbild geistig zu erfassen." Albert Einsteins ´Glaubensbekenntnis` 1932/33

Lothar Poerschke
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Re: Und was der Schärfe des Geistes entgeht

#3 Beitrag von Lothar Poerschke » 25.04.2020, 16:31

Lieber Detlef,
Glaube basiert m.E. immer auf einem Gefühl und niemals auf Wissen. Durch das zunehmende Wissen über komplexe Zusammenhänge wird der Glaube mehr und mehr entzaubert und verliert damit seinen Reiz. Schon Feuerbach lehrte, daß der Glaube an Gott in der Entwicklungsgeschichte der Menschen für lange Zeit nötig war, weil die Menschen sich vieles nicht erklären konnten. Diese Bedeutung entfällt aber zunehmend. Was anfangs nur zur Erklärung des Rätselhaften und Geheimnisvollen diente, hat sich dann aber leider durch die Institution Kirche zur besten Geschäftsidee aller Zeiten entwickelt. So wie in dem uns bekannten System NAK steckt auch in vielen ähnlich gelagerten Glaubenssystemen eine ungeheure kriminelle Energie zur wundersamen Geldvermehrung, egal ob nun das Heil angeblich von Gott oder angeblich lebende Apostel oder durch einfache Zuckerkügelchen zu den Menschen kommt.
Oft muß ich innerlich darüber schmunzeln, daß bei mir der Grundstein für meinen heutigen Nichtglauben an Gott, Apostel oder anderen Hokuspokus ausgerechnet während meiner Kindheit in der NAK gelegt wurde. Persönlich habe ich keine Erinnerung daran, aber es wurde später bei jeder Familienfeier der neuapostolischen Großfamilie mit stolzer Brust erzählt. Man rühmte sich selbst, wie durch und durch apostolisch man doch seine Kinder erzog und hatte damit das Wohlgefallen der sog. Apostel sicher auf seiner Seite.
Wie gesagt, aus den Erzählungen der Erwachsenen weiß ich, daß ich als Vier-oder Fünfjähriger den Kindern im Kindergarten sehr energisch gesagt haben soll, daß es keinen Weihnachtsmann gibt. Daraufhin kamen die Kindergärtnerinnen entsetzt zu meinen Eltern nach Hause und stellten diese zur Rede, ob jene mich dazu anhalten würden. Was meine Eltern damals geantwortet haben weiß ich nicht.
Jedenfalls erwähnte man das oft voller Stolz auf ein so "mutiges" kleines " Gottesdienst, was schon so früh unerschrocken der Welt da draußen die " Wahrheit" verkündete. Und ich habe mich da zugegeben schon als etwas Besonderes gefühlt.
Heute sind Neuapostoliken ihrerseits genauso entsetzt und entrüstet, wenn ich denen sage, daß ich persönlich nicht ( mehr ) an einen Gott, geschweige an lebende Apostel noch anderen Humbug glaube.
Glaube, egal welcher Art, ist immer nur eine gefühlte Wahrheit und keine tatsächliche.
Erinnere mich noch gut daran, wie Fehr bei einem Konzert gegen die Formulierung in Beethovens 9. wetterte : " Brüder überm Himmelszelt muß ! ein lieber Vater wohnen ! " Er beanstandete, daß durch das Wort muß auch Zweifel mitschwingt. Er verbesserte die Formulierung Beethovens sagte, für uns heißt das : " Brüder überm Himmelszelt wohnt ein lieber Vater."
Wenn Schneider heute seinen Schäfchen erzählt, daß das schönste erst noch kommt, dann frage ich mich ernsthaft : Woher weiß er das ?
Solche Aussage wird natürlich von allen jenen regelrecht aufgesogen, deren Leben im Hier und Jetzt sehr beschwerlich und voller Widerwärtigkeiten ist.
Natürlich ist zum Beispiel zwischen zwei Menschen etwas Geheimnisvolles und Schönes, was auch ich nicht entzaubert wissen möchte.
Dennoch ist für mich nicht der Islam oder eine andere fremde Religion der Feind des Christentums, sondern die Naturwissenschaft ist letztlich der Feind jeglicher Religion. Und selbst aus der Ernährung kann man letztlich eine Religion machen. Das schließe ich da alles mit ein.
Und um noch mal auf meine Geschichte aus der Kindheit zurückzukommen : Was der Weihnachtsmann für die Kleinen, ist Gott für die Erwachsenen.( oder besser für die, die eigentlich erwachsen sein sollten ).
Einen schönen Sonntag und herzliche Grüße
Lothar

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