Die unglaubliche "Glaubensgeschichte" meines Bruders

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Sverdrup

Re: Die unglaubliche "Glaubensgeschichte" meines Bruders

#81 Beitrag von Sverdrup » 01.03.2018, 10:00

Jinn hat geschrieben:Hallo Ihr Zwei (Hatikwa+Boris),
danke für Eure Gedanken und Eure Reflektion!!
Ein neues Update: Mein Vater ist in meinem Beisein (nur in meinem) verstorben.
Gestern war die Beisetzungen.
Gestern war ich notgedrungen nach vielen Jahren wieder mal der ganzen "Heiligkeit" ausgesetzt.
Ich werde mehr dazu schreiben, auch zu dem, worüber Ihr Euch Gedanken gemacht habt.
Sobald ich etwas zur Ruhe gekommen bin.
Herzlichst
Jinn
Lieber Jinn,
ich möchte Ihnen auf diesem Wege mein Mitgefühl zum Tode Ihres Vaters entgegenbringen. Ich hoffe nicht daneben zu liegen, wenn ich meine Überzeugung ausdrücke, dass Ihr Vater sicher froh war, dass sein Sohn in der Stunde des Abschieds bei ihm gewesen ist. Ihnen wünsche ich - trotz der Schwierigkeiten in Ihrer Familie, dass Sie vielleicht nur wenige aber doch angenehme Erinnerungen behalten.

Jinn

Re: Die unglaubliche "Glaubensgeschichte" meines Bruders

#82 Beitrag von Jinn » 01.03.2018, 14:23

Hallo liebe Forianer!

Meinen herzlichen Dank für Eure Anteilnahme, die gefühlt aus aufrichtigen, ehrlichen Herzen kommt und mir in dieser Zeit wirklich gut tut!
Boris hat geschrieben:Es ist eine zurechtgeschnittene Wahrheit.
Ist Religion, hier die neuapostolische, nicht immer eine „zurechtgeschnittene“ Wahrheit?
Meine Berichte über die „Geschichte“ sind meine Reflektionen, meine Wahrnehmung und natürlich auch, vor dem Hintergrund fundiertem theologischem Wissen, auch eine „versuchte“ objektive Bewertung dessen, was der neuapostolische Glauben so alles hervorbringt.
Eigentlich ist er durchaus keine Ausnahme: Splittergruppen, Sondergemeinschaften, Sekten und Auslegungskreise gibt es zuhauf, nicht nur, wenn es um christlichen Glauben geht.
Aber in Bezug auf das, was ich persönlich miterlebt habe und teilweise auch heute noch miterlebe, dreht es sich hier – für mich – prinzipiell um den neuapostolischen Glauben und die neuapostolische Kirche.

Ich weiß nicht, ob und wie oft meinen Vater, dem der NAK-Glauben und die NAK-Nachfolge über alles ging und der die Worte grundsätzlich von jedem, der auf dem Altar redete (egal wie krude und zusammengeschustert es war) eins zu eins als „die Wahrheit“ und dazu noch „die einzige Wahrheit“ angenommen und umzusetzen versucht hat, wie oft also mein Vater durch Zweifel geplagt wurde.
Grundsätzlich war „Zweifel“ (heute würde man ganz nüchtern „begründete (theologische) fachliche Zweifel ob der Richtigkeit“ dazu sagen) etwas, das nicht sein durfte!! Unbedingt durfte das niemals und bei keinem „treuen Gotteskind“ sein!! Nie, nie, niemals!!

Ich kann mich an unzählige Predigten (vom Altar) erinnern, in denen einzig „Zweifel“ und „die Zweifler“ Thema waren.
Das war von vorneherein so negativ besetzt, jede noch so leise Kritik so sehr unter die göttliche Strafe gesetzt, dass sich selbst die, die eventuell ab und an „ihre leisen Zweifel“ an dem ein oder anderen kruden Gesinnungsmix, der als „Botschaften des Heiligen Geistes“ verkauft wurde, dass sich selbst die niemals erlaubt hätten, offen darüber zu reden.

Man tat es dann anders: Es gab Diakone und Priester oder auch höhere Ämter, von denen „man“ (also die Gemeinde) sagte „die sind ein wahres Gottesgeschenk! Durch den oder jenen „wirkt“ der Heilige Geist ganz besonders!“
Aber niemals hätte damals irgendjemand sich zu sagen getraut: „Was da heute auf dem Altar gepredigt wurde, dass hatte zum einen überhaupt nichts mit religiösen, theologischem Wissen zu tun, auch so gar nicht mit „dem Heiligen Geist“ (oft eher mit dem Weingeist ;-) ), das war eine pseudoreligiöse Zusammenschusterung von Halbwissen, Vermutungen, Meinungen und Ansichten unter dem Deckmantel „des Heiligen Geistes“.

Mein Vater war eigentlich schon eher ein intellektueller Mensch. Der dann später im Alter die Bibel gründlich „studierte“. Auch viele Abhandlungen las er. Leider: Meist nur welche, die vom Bischof-Verlag herausgegeben wurden.
Ich habe ihn unzählige Male darauf hingewiesen, er solle doch mal Abhandlungen von „echten“ Religionswissenschaftler lesen. Das tat er immer damit ab: „Weißt du Sohn, Glauben kann man nicht mit Wissenschaft ergründen.“
Die NAK fürchtete sich schon damals höllisch (mir fällt gerade das Wortspiel auf: NAK – fürchten – höllisch ;-) ), dass sich ihre „Schäfchen“ gründlich und fundiert mit Religion beschäftigten.

Viele der Alten hier werden sich noch daran erinnern, wie oft und wie verächtlich von „den Schriftgelehrten“ geredet wurde. Das waren – im NAK-Vokabularium – die Totengräber der christlichen Religion.
Ich habe mir nach meinem Ausstieg, und nachdem ich mich wirklich gründlich mit „Christlichem Glauben“ allgemein auseinandergesetzt hatte, oft Gedanken darüber gemacht, wie es sein konnte, dass teils hochintelligente, wissende Menschen auf so einen kruden Glaubensmix hereinfallen können.
Auch in Erinnerung geblieben ist mir, dass stets, wenn’s „eng“ wurde, mit dem was da so neuapostolisch – Verzeihung – religiös „gelabbert“ wurde, und wenn es selbst für Strunzdoofe erkennbar neben der christlichen Spur war, dass dann immer von „es menschelt halt überall“ geredet wurde und auf das Versagen von „Einzelnen“ hingewiesen wurde.

Ich fragte mich in meiner aktiven NAK-Zeit auch (natürlich nur s. o. still und heimlich) wieso „der Heilige Geist“ es zulassen konnte, dass da auf dem Altar einer stand, der …. Sagen wir mal salopp … 75% Mist redete und den Heiligen Geist nur 25%tig wirken ließ?
Ich glaube auch, dass – nicht nur – bei meinem Vater irgendwann … nach 30 und mehr Jahren NAK der „Point of no Return“ gekommen ist. Also der Punkt, an dem er, egal ob überhaupt oder wie viele Zweifel er manchmal ggf. hatte, eine Umkehr quasi zum kompletten Zusammenbruch des auf neuapostolischen Glauben aufgebauten Lebens geführt hätte.

Ich weiß ja von mir selbst, aktiv via Amt in der NAK-Jugend tätig, wie ich mich dann (nach meinem Ausstieg) irgendwann in Grund und Boden geschämt habe für den „Sch...“, den ich da in der aktiven Zeit so von mir gegeben habe.
Da komme ich wieder auf die Predigt des Gedenkgottesdienstes zurück: Vom Saulus zum Paulus …
Nur halt genau anders herum.
Heute würde ich – selbstverständlich absolut subjektiv – sogar behaupten: Ich bin vom Glauben zum Schauen gekommen. Oder vom abstrusen träumen zum realen Durch-Schauen.

@Lulo
Es ist für mich überhaupt nicht verwunderlich, dass Sie auch Ähnliches bis Gleiches erleben mussten.
Da gab es auch noch viele, sehr viel gravierendere Aktionen seitens der NAK, die ganz Existenzen vernichtet haben. Und wenn's um irdische Rechtsangelegenheiten ging, dann - so meine Erfahrung - kam mit manchem nicht neuapostolischem Mitmenschen eher ein Vergleich zustande, wie mit seinesgleichen.

@Bezirks-Elster
Auch Ihnen natürlich meinen Dank für Ihre anteilnehmende Worte.
Nur – welches „Dickicht“ meinen Sie denn?

@Sventrup
Ihnen wünsche ich - trotz der Schwierigkeiten in Ihrer Familie, dass Sie vielleicht nur wenige aber doch angenehme Erinnerungen behalten.

Unbedingt! Neben dem NAK-Glaubensbruder gab’s ja auch noch „meinen Vater“!
Und derzeit auch noch meine – leidende – Mutter!
Ich würde ja alles gemachte Unrecht legitimieren, wenn ich selbst meine eigenen menschlichen Maßstäbe aufgrund dessen außer Kraft setzen würde.
Oder anders ausgedrückt: Meine Liebe ist durch keine Religion beeinflussbar.

Herzlichst
Jinn

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Heinrich
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Re: Die unglaubliche "Glaubensgeschichte" meines Bruders

#83 Beitrag von Heinrich » 01.03.2018, 14:45

Ich fragte mich in meiner aktiven NAK-Zeit auch (natürlich nur s. o. still und heimlich) wieso „der Heilige Geist“ es zulassen konnte, dass da auf dem Altar einer stand, der …. Sagen wir mal salopp … 75% Mist redete und den Heiligen Geist nur 25%tig wirken ließ?
Werter Jinn,

da haben Sie aber echt super Glück gehabt, wenn der Heilige Geist in Ihrer Gemeinde/Ihrem Bezirk wenigstens noch mit geschätzten 25 % mitreden durfte.

Über die vielen Jahre hier im Süden habe ich mich schon gefreut, wenn der Heilige Geist wenigstens beim Abendmahl ab und anmal noch irgendwie „fühlbar“ war.

Sorry, diese freche Bemerkung musste jetzt sein. :)

Gruss aus dem eisigen Süden,
Heinrich
Die höchste Form des Glücks ist ein Leben mit einem gewissen Grad an Verrücktheit.

(Erasmus von Rotterdam)

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Re: Die unglaubliche "Glaubensgeschichte" meines Bruders

#84 Beitrag von Boris » 01.03.2018, 15:40

Jinn hat geschrieben:...
Ist Religion, hier die neuapostolische, nicht immer eine „zurechtgeschnittene“ Wahrheit?
...
Ich betrachte Religion als eine Chance, die am laufenden Band vermasselt wird ...

Eigentlich hat Religion und Glaube unendlich viel positives Potenzial. Sie ist als Instrument zur innerlichen Erbauung gedacht. Aber wie das auch mit anderen, weltlichen und politischen Ideen ist: Man weiß oft, wie es besser gehen könnte. Nutzt aber die Religion/Idee nur als Alibifunktion. Das eigene Gewissen wird getäuscht und beruhigt. Man nutzt die Sache nur zum persönlichen Vorteil.

Daraus entsteht logischerweise eine absolut intolerante Haltung der Mitglieder/Angehörigen.
Hier eine Definition von Intoleranz:
All das mit Füßen treten, zu verletzen und zu beleidigen, was das eigene Unvermögen offen legt und damit unerträglich macht.

Da Religion und der Glaube als etwas sehr Wertvolles betrachtet werden kann, wenn man mag, gibt es soviel Menschen, die über einen festen Glauben und gutes Bibelwissen verfügen, aber kirchlichen Institutionen den Rücken gekehrt haben.

LG Boris
Wenn ich mich selbst wirklich kenne, kenne ich auch meine Mitmenschen. Wenn ich mich selbst liebe, kann ich auch andere lieben.

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