1. Korinther 14, 1–3.20–25

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Andreas Ponto
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1. Korinther 14, 1–3.20–25

#1 Beitrag von Andreas Ponto » 09.06.2012, 15:59

Zungenrede und prophetische Rede

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1 Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber um die Gabe der prophetischen Rede!
2 Denn wer in Zungen redet, der redet nicht für Menschen, sondern für Gott; denn niemand versteht ihn, vielmehr redet er im Geist von Geheimnissen.
3 Wer aber prophetisch redet, der redet den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung.

20 Liebe Brüder, seid nicht Kinder, wenn es ums Verstehen geht; sondern seid Kinder, wenn es um Böses geht; im Verstehen aber seid vollkommen.
21 Im Gesetz steht geschrieben (Jesaja 28,11-12): »Ich will in andern Zungen und mit andern Lippen reden zu diesem Volk, und sie werden mich auch so nicht hören, spricht der Herr.«
22 Darum ist die Zungenrede ein Zeichen nicht für die Gläubigen, sondern für die Ungläubigen; die prophetische Rede aber ein Zeichen nicht für die Ungläubigen, sondern für die Gläubigen.
23 Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, es kämen aber Unkundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen, ihr seid von Sinnen?
24 Wenn sie aber alle prophetisch redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen geprüft und von allen überführt;
25 was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist.

Laura1

Re: 1. Korinther 14, 1–3.20–25

#2 Beitrag von Laura1 » 09.06.2012, 16:40

Einige evangelikale Glaubensgemeinschaften und auch einige evangelische Freikirchen betonen auch immer wieder die Zungensprache.
Leider habe ich bisher nicht verstanden was das genau ist...?

Vielleicht mag man mir das erklären...?
Was ist die Zungenrede - und wie funktioniert so etwas?

LG Laura1

tergram

Re: 1. Korinther 14, 1–3.20–25

#3 Beitrag von tergram » 09.06.2012, 19:08

Laura1, ich kann nur berichten, was meine "Altvorderen" mir aus der NAK berichtet haben. Die Ereigisse fanden in NRW statt, in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts.

Es passierte häufig, dass während des Gottesdienstes unvermittelt jemand aufstand und laut Unverständliches sprach. Die Gemeinde war nicht überrascht und hielt die Worte für eine Fremdsprache. Die Predigt wurde unterbrochen. Manchmal hat der Sprecher danach eine Zusammenfassung des Gesprochenen in deutscher Sprache gegeben. Nachdem der Sprecher geendet hatte, wurde ein Dankgebet gesprochen. Man sah ja in den Ereignissen ein Zeichen für die direkte Anwesenheit Gottes/des Heiligen Geistes und war davon sehr bewegt.

Meine Großmutter berichtete aber auch, dass gelegentlich mehrere Zungenredner gleichzeitig aufstanden und daß sie den Eindruck hatte, sie wollten sich hervortun und untereinander überbieten. Auch äußerte sie Zweifel daran, dass es tatsächlich Fremdsprache gewesen seien. In den damaligen Gemeinden dürfte kaum jemand Fremdsprachenkenntnisse gehabt haben, daher konnte man jede Lautäußerung als Fremdsprache interpretieren.

Mitte der 30er Jahre soll das "Zungenreden" geendet haben - ob von selbst oder auf Weisung der KL, ist mir nicht bekannt. Eventuell besteht ein Zusammenhang mit den in dieser Zeit zunehmenden Beobachtungen des kirchlichen Geschehens durch die Gestapo/SA/SS etc.

Ob es sich um eine Form von religiöser Hysterie handelte, kann ich nicht sagen.

Das Zungenreden muss aber - so zumindest in der NAK - von der Gabe der Prophetie unterschieden werden.

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Andreas Ponto
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Re: 1. Korinther 14, 1–3.20–25

#4 Beitrag von Andreas Ponto » 09.06.2012, 20:07

In der Pfingstbewegung (Pfingstlern oder auch Pfingstgemeinden genannt) und in charismatischen Gemeinden/Bewegungen gibt es heute Zungengebet, Zungengesang oder auch Zungenrede (Glossolalie). Es stellt dort wohl eine besondere Form des direkten Gebetes und des Lobes Gottes dar. Es wird nicht erwartet, dass es jemand versteht. So war es wohl auch in Korinth, weswegen Paulus in seinem Brief darauf eingeht: Kein Nutzen für die Gemeinde in der Versammlung, da unverständlich und für Fremde eher irritierend und befremdlich.

An Pfingsten selbst soll es kein unverständliches Stammeln, Wimmern, Stöhnen und Schreien gewesen sein, sondern die, die in fremden Zungen redeten, redeten durch den Heiligen Geist befähigt in für sie fremden Sprachen, damit alle anwesenden Fremden die Botschaft in ihrer Sprache hören und annehmen konnten (Xenoglossie).

Diese beiden Formen werden insbesondere von Pfingstlern und charismatischen Bewegungen gerne vermischt, anstatt sauber unterschieden.

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Andreas Ponto
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Re: 1. Korinther 14, 1–3.20–25

#5 Beitrag von Andreas Ponto » 09.06.2012, 21:31

Das für mich Schöne an diesem Brief des Paulus ist, dass er neben 6 anderen wohl von Paulus selbst stammt.

Die Entstehung wird ca. auf das Jahr 55/56 n.Chr. datiert.
Selbst die Evangelien sollen später entstanden sein.

Der Brief gehört damit zu den ältesten authentischen frühchristlichen Zeugnissen.

Paulus, der also einer seiner Gemeinden schreibt.

Laura1

Re: 1. Korinther 14, 1–3.20–25

#6 Beitrag von Laura1 » 09.06.2012, 22:37

Vielen Dank tergram und centaurea für eure Hilfe. :D

LG Laura1

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Loreley 61
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Re: 1. Korinther 14, 1–3.20–25

#7 Beitrag von Loreley 61 » 10.06.2012, 04:36

JGB hat die Weissagungen verboten:
Am 28. Juni 1933 bewirkte ein Verbot von verschiedenen neuapostolischen Gemeinden in Preußen eine eingreifende Änderung in der Neuapostolischen Kirche. Aufgrund von Weissagungen in Gottesdiensten der NAK in Preußen kam es zu Missverständnissen auf der staatlichen Seite und damit erfolgtem Verbot der Gemeinden. Bischoff, dem nach eigenem Angaben schon seit 20 Jahren auffiel, dass die Weissagungen mehr und mehr unvollkommen wurden, verbot am 28. Juni 1933 alle Weissagungen innerhalb der Neuapostolischen Kirche.
so stehts bei:

http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Gottfried_Bischoff

Wer sich dafür interessiert wie ein damaliger Gläubiger solche Zungenreden wahrgenommen hat, dem empfehle ich die Ausführungen von Luise Kraft:

Unter Apostel und Propheten
nachzulesen in voller Länge:

http://mitglied.multimania.de/Horst_Har ... -kraft.pdf

LG, Lory
Unsere Gedanken und Gefühle werden durch unsere Überzeugungen geformt.
Was du tief in dir und oft unbewusst denkst, das zeigt die größte Wirkung in deinem Leben.
Brauche nichts ... wünsche alles ... und wähle, was sich zeigt!
______
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abendstern_
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Re: 1. Korinther 14, 1–3.20–25

#8 Beitrag von abendstern_ » 10.06.2012, 08:08

Ich schrieb es gestern schon an Laura privat aber vielleicht ist es von allgemeinem Interesse:

Hallo Laura,

du fragst was Zungensprache ist. Ich wusste das bis vor einiger Zeit auch nicht, aber da ich ein neugieriger Mensch bin, wollte ich mich mal informieren und im Zeitalter des Internets muss man dazu nicht mal mehr aus dem Haus. Ich gebe dir hier mal zwei Links zu Gemeinden, wo die Zungensprache im Gottesdienst zu hören ist. Es ist eine Art "himmlisches Esperanto" das jedoch kein Mensch versteht. Für diese Menschen ist es aber scheinbar Ausdruck totaler Geisterfülltheit.

Unter folgendem Link kannst du samstags um 20 Uhr oder sonntags um 16 Uhr den Gottesdienst verfolgen.

http://www.tos-tv.eu/

Das ist eine sog. charismatische Gemeinde in Tübingen.

Sonntagmorgens um halb zehn kannst du den Gottesdienst der ebenfalls charismatischen Gemeinde BGG in Stuttgart unter diesem Link anschauen:

http://www.gospel-forum.de/live/index.html

Da gibts auch "Geisterfülltheit" die durch diese Art Sprache zum Ausdruck kommt.

Ich möchte anfügen, dass diese Art mich nicht anspricht und ich keinesfalls Werbung für diese Richtung machen möchte. Nur um deine Neugier zu befriedigen, weil es mir ähnlich erging, schicke ich dir die Links.

Viele Grüße
abendstern

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Andreas Ponto
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Re: 1. Korinther 14, 1–3.20–25

#9 Beitrag von Andreas Ponto » 10.06.2012, 08:32

Paulus hält nichts von der Zungenrede innerhalb der Gemeindeversammlung.

Er fordert zur prophetischen Rede auf.

Was ist aber aus seiner, aus unserer Sicht prophetische Rede?

tergram

Re: 1. Korinther 14, 1–3.20–25

#10 Beitrag von tergram » 10.06.2012, 08:51

Loreley 61 hat geschrieben:JGB hat die Weissagungen verboten ....
Vielen Dank Lory,

aus dem von dir eingestellten Text ergibt sich eine Bestätigung für meine Vermutung, dass das Verbot (auch?) mit der Machtergreifung Hitlers 1933 und den neuen politischen Umständen (Beobachtung der GD und des Kirchengeschehens durch die NSDAP/Gestapo etc.) zusammenhing.

Es muss aber zwischen "Zungenreden" und "Weissagungen" (also der prophetischen Rede) unterschieden werden. Während "Zungenreden" in einer nicht verständlichen Sprache erfolge und der Sprecher häufig im Nachgang nicht sagen konnte, was er da geredet hatte, wurden Weissagungen auf deutsch ausgesprochen.

Hallo centaurea,
centaurea hat geschrieben: Was ist aber aus seiner, aus unserer Sicht prophetische Rede? ....
Ich kann wieder nur aus den Erzählungen meiner Großmutter antworten: Während einzelner GD kam es gelegentlich zu "Weissagungen". Diese erfolgten aber nicht unerwartet mitten im GD wie das Zungenreden, sondern in einem passenden Augenblick. [Interessanterweise soll Zungenreden häufig von Frauen ausgeübt worden sein, während die Weissagung (prophetische Rede) nur von Männern ausgeübt wurde (!). Es handelte sich um ältere Männer mit gutem Ruf in der Gemeinde.]

In den Weissagungen wurde entweder die Zukunft der Gläubigen ausgemalt (...ich sehe die himmlische Herrlichkeit und uns alle mitten darin...) oder es wurde auf Mißstände und Gefahren hingewiesen (...ich warne und ermahne euch wegen...).

Die Gläubigen standen dem Zungenreden eher kritisch gegenüber, während die Gabe der Weissagung, die prophetische Rede, hohes Ansehen genoß.

centaurea, hinter Deiner Frage "was ist es?" verbrigt sich die Frage nach der Glaubwürdigkeit, nach der tatsächlichen göttlichen Inspiration solcher Erscheinungen. Das ist reine Glaubenssache.

Ich halte das alles für einen Ausdruck religiöser Hysterie, intensives Wunschdenken, ein Massenphänomen, kurz: für faulen Zauber, der einer vernünftigen Betrachtung nicht stand hält.

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