Hans Küng: Lebensende selbst bestimmen

Christliche Ethik
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Pagan

Re: Hans Küng: Lebensende selbst bestimmen

#31 Beitrag von Pagan » 10.11.2013, 12:03

Silke Gorklo hat geschrieben:ist es Sünde (ebenso wie die Fliegen, Ameisen die ich bewusst oder unbewusst getötet habe
Entschuldigung, aber hier nimmt die Vorstellung von Sünde wohl bereits nahezu wahnhafte Züge an. Es zeigt sich darin einmal mehr, wohin das unselige christliche Sündenkonzept führt, nämlich zur Aufgabe jeder eigenen Beurteilung, jeder eigenen Entscheidung darüber, was gut und was böse ist, die soziale Kontrolle des Christentums hat gegriffen.
Ich stelle mir gerade die Situation vor, wenn ich mit dem frischgewaschenen Auto von A nach B fahre, dort aussteige und das Auto von vorne betrachte. Was bleibt mir da anderes übrig als umgehend in die Kirche zu rennen und mir die Absolution erteilen zu lassen für die vielen ungewollten und unbewussten Morde an Fliegen, Mücken und anderen Insekten und anderen Tieren wie Würmern, Schnecken etc., die ich auf meiner kurzen Fahrt tötete? Gut ist Mittagszeit, der saftige Braten schmort schon im Ofen ...

Mir stellt sich da unmittelbar im Zusammenhang die Frage: Wie ist es denn mit Pflanzen? Töte ich die Karotte, wenn ich sie aus dem Boden ziehe und esse? Wer sagt mir verbindlich, dass eben diese Karotte und andere Pflanzen in den Augen Gottes nicht Lebewesen sind wie Tiere und Menschen? Gut gibt es wenigstens noch die Lichtesser ...

Ach, und wie ist es mit den schädlichen Bakterien, die mein Immunsystem laufend auszurotten versucht? Ist gesund werden sündhaft? Gut wirken die Antibiotika immer weniger ...

Eine dermassen rigide Auslegung dieses Gebotes fraglicher Herkunft (stammt mit Sicherheit nicht vom jüdischen oder christlichen Gott, denn das viel ältere ägyptische Totenbuch enthält schon ein Tötungsverbot) ist nirgendwo in der Bibel belegt. Ganz im Gegenteil, die Juden wüteten unter anderen Völkern wie später die Berserker und schlachteten grausam ganze Stämme und Völker, so wenigstens lässt es uns das Buch der knietiefen Blutströme respektive eben die Bibel wissen. Und sie wurden dafür sogar noch belohnt und gesegnet, und zwar von dem gleichen Gott, der angeblich das Töten verboten hatte.

Zurück zum Ursprung des Themas:
Ja, es soll jeder Mensch frei und ohne von derart wahnhaften religiösen Ideen abgehalten zu werden selbst entscheiden können, wann und wie und wo er sterben will! Ob er es tut, ist jedem seine Sache!
Ich habe mich schon öfters gefragt, wieviele Menschen von solchen Sünden-und Angst-Vorstellungen und dergleichen mehr abgehalten werden, ihrem unmenschlichen Leiden ein endgültiges Ende zu bereiten, und wieviele Menschen trotz grösster Leiden viel sehr an ihrem Leben hängen, um diesen letzten Schritt selbstbestimmt zu tun.
Und ja, manche können gar nicht mehr entscheiden und haben womöglich keine Patientenverfügung hinterlassen geschweige denn ihre Angehörigen klar über darüber hinausgehende Wünsche informiert.

Pagan

Re: Hans Küng: Lebensende selbst bestimmen

#32 Beitrag von Pagan » 10.11.2013, 13:47

Ich habe mir vorhin so überlegt: Kann mir das Morden der Tiere überhaupt vergeben werden? :roll: Ein reuiger Sünder müsste doch alles tun, um eine Wiederholung der Sünde zu vermeiden.
Ich sitze jedoch schon wieder im Auto und fahre nun von B nach A, wohlwissend, dass ich da wieder viele Kleinstlebewesen ermorde. Und ich weiss, ich werde es morgen, übermorgen und vermutlich noch unzählige weitere Male tun, ich habe das schon bei der Absolution gewusst. Kann mir da noch verziehen werden?

Gott befahl einstens auch, keine Bäume zu fällen. Unser Esszimmer ist aber aus Eiche, so wie vieles andere bei uns aus Holz ist. Bin ich da auch (indirekter) Sünder?

Übrigens, der Rindsschmorbraten mundete ausgezeichnet, meine Frau ist eine hervorragende Köchin. :D

Ach ja, Silke, auch wenn du deinen Beitrag mit deinem Eigenzitat schon wieder gelöscht hat, ich zitiere dir gerne den ganzen relevanten Teil deines Satzes, auf den ich mich bezog, nicht dass du noch hingehst und das Original auch noch löschst (gefettet, wsas ich vorhin zitierte):
Silke Gorklo hat geschrieben:nach meiner pers. Ansicht, ist es Sünde (ebenso wie die Fliegen, Ameisen die ich bewusst oder unbewusst getötet habe, auch ein Versündigen gegen das Gebot ist....egal ob es Gott mir verzeiht, der Fakt die Tatsache, die ich begehe ,die bleibt doch....darum geht es mir.....und nicht ums Verurteilen/Nichtveruteilen -das ist Gottes Sache-....aber das -wie gesagt- versteht ihr wohl anders als ich, was auch legitim ist, da jeder Mensch anders ist )
Deine Ausdrucksweise ist wie schon von Lucy festgehalten tatsächlich etwas verwirrend, aber ich meine, es geht im Gesamtkontext deiner bisherigen Beiträge trotzdem sehr klar und hervor, was du mit deinen ersten 26 Worten der zitierten Aussage (wovon ich halt ungeschickterweise in der Eile beim ersten Mal nur einen Teil zitierte) gemeint hast. Ich gehe doch sicher nicht fehl, wenn mit "das Gebot" das Gebot "Du sollst nicht töten" gemeint ist. Sonst müsstest du uns einiges erklären und das verwirrende auflösen.

Nachträglich noch etwas zur Aufklärung: Ich liebe die meisten Tiere (nicht z.B. Mücken) und bin dafür, dass man Tiere keinesfalls quält und ich esse deswegen nur sehr, sehr wenig Fleisch, und nicht etwa weil es Sünde ist, Tiere zu töten.

tergram

Re: Hans Küng: Lebensende selbst bestimmen

#33 Beitrag von tergram » 10.11.2013, 17:53

Falls das Gebot "Du sollst nicht töten" von Gott stammt und falls es sich auch auf das Töten von Tieren bezieht - dann verstößt Gott mit den Tieropfern, die er von den Menschn fordert, gegen sein eigenes Gebot.

Falls es sich nicht auf das Töten von Tieren bezieht, bleibt doch festzuhalten, dass der Gott des AT ein ungeheuerlicher Mörder, Kriegstreiber und Folterer ist.

Kann Gott sich das vergeben?

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Re: Hans Küng: Lebensende selbst bestimmen

#34 Beitrag von agape » 10.11.2013, 18:11

tergram hat geschrieben:
Falls es sich nicht auf das Töten von Tieren bezieht, bleibt doch festzuhalten, dass der Gott des AT ein ungeheuerlicher Mörder, Kriegstreiber und Folterer ist.

Kann Gott sich das vergeben?
Für die Verbreitung der unteschiedlichen Gottesbilder ist Gottnicht verantwortlich.
Der Gott des AT stellt sich dem frühen Menschen anders dar als der Gott des NT.
Und den Gott der Gegenwart stellen sich die Menschen oft wieder ganz anders vor. Nicht nur die Theologen.
Die berechtigte Frage seit dem es Bibel gibt:
Welche Bedeutung hat die Bibel tatsächlich?
Kann ich sie - ohne sie wörtlich nehmen zu müssen - ernst nehmen!?
Jesus war einer der glücklichsten Menschen, der je gelebt hat. Er gab seine Kraft weiter, verschenkte, was er hatte,
weil er in Übereinstimmung mit sich und seiner Botschaft lebte.
„Ich bin, was ich tue.“ Das bewirkt mystische Erfahrung.
Nach D.Sölle

tergram

Re: Hans Küng: Lebensende selbst bestimmen

#35 Beitrag von tergram » 10.11.2013, 18:35

Auch der Gott des neuen Testamentes ist nicht weichgespült und der biblische Jesus alles andere als sanftmütig. Man lese seine Todesdrohungen, Verfluchungen und Verwünschungen gegenüber denen, die seiner Lehre nicht folgten... Gott und Jesus widersprechen sich laut Bibel ständig selbst. Die Frage ist, ob man dieses Buch überhaupt ernst nehmen muss.
http://www.bibelzitate.de/wsidb.html

Um den Bogen zum Thema wieder zu bekommen: Alternativ zum "Du sollst nicht töten" kann ich mich mit dem entsprechenden (An)Gebot des evolutionären Humanismus identifizieren:

"Du sollst nicht lügen, betrügen, stehlen, töten – es sei denn, es gibt im Notfall keine anderen Möglichkeiten, dein Leben oder das der dir Anvertrauten zu schützen oder die Ideale der Humanität umzusetzen." Das beantwortet auch die Frage nach der Vertretbarkeit aktiver Sterbehife.

Troubadix

Re: Hans Küng: Lebensende selbst bestimmen

#36 Beitrag von Troubadix » 10.11.2013, 23:04

Danke pagan, für das Aufgreifen dieses Punktes. Es gibt wahrlich verirrte Sünden-Ansichten.
tergram hat geschrieben:Das beantwortet auch die Frage nach der Vertretbarkeit aktiver Sterbehife.
Ich habe dazu gemischte Gefühle. Grundsätzlich kann ich trotzdem ja dazu sagen, denn schon beten für einen schnellen Tod geht mental in die Richtung von aktive Sterbehilfe, ich tue ja
etwas, was das Leben beenden soll, auch wenn es kein Giftdrink oder dergleichen ist. Es ist ein Thema, das immer wieder neu Fragen und Unsicherheiten aufwirft, wenigstens bei mir.
Hätte ich die Kraft, ein liebes Angehöriges z. B. meine Frau, oder einen Sohn, aktiv zu unterstützen beim Sterben? Vermutlich nur, wenn der Leidensdruck auch bei mir gross genug geworden
ist. Aber wäre das dann für das Sterbewillige nicht schon eine nicht enden wollende Qual?

tergram

Re: Hans Küng: Lebensende selbst bestimmen

#37 Beitrag von tergram » 11.11.2013, 12:02

Troubadix, ja, keine Frage. Das sind Grenzbereiche menschlicher Erfahrungen und Entscheidungen und die meisten von uns werden nie damit konfrontiert.

Mir geht es bei dem schwierigen Thema nur darum, die Entscheidung, die anders ausfällt als meine, nicht zu beurteilen. Und schon gar nicht einen angeblichen göttlichen Willen oder Sündenbegriff ins Spiel zu bringen. Und dankbar zu sein, wenn einem das Leben bisher dieses Entsetzen erspart hat.

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