Gedenken an Dietrich Bonhoeffer

Christliche Ethik
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centaurea
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Gedenken an Dietrich Bonhoeffer

#1 Beitrag von centaurea » 09.04.2010, 22:57

Kurz vor Mitternacht möchte ich an den in den Widerstand gegangenen Dietrich Bonnhoeffer erinnern.

Heute vor 65 Jahren wurde er von den Nazis hingerichtet.

Im Motetten-Gottesdienst heute Abend (Thomaskirche zu Leipzig) wurde sein Gedicht "Wer bin ich?" http://www.bonhoeffer.ch/zitate (ganz unten) vorgetragen.

Unglaublich mit welcher Klarheit und Konsequenz dieser Mensch sich entschieden hatte.

tergram

Re: Gedenken an Dietrich Bonhoeffer

#2 Beitrag von tergram » 10.04.2010, 07:06

Dass Dietrich Bonhoeffer kein in die eigene Religiösität versunkener Heiliger war sondern sehr bodenständig-politisch-revolutionär dachte, zeigen diese Zitate:
  • 1. Die Kirche hat den Staat zu fragen, ob sein Handeln von ihm als legitim staatliches Handeln verantwortet werden könne …
    2. Die Kirche ist den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet, auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde zugehören …
    3. Wenn die Kirche den Staat ein Zuviel oder ein Zuwenig an Ordnung und Recht ausüben sieht, kommt sie in die Lage, nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen.
Das ist mal eine überzeugende und - wie ich finde - leider nicht gelebte Aufgabe von "Kirche". Zum Thema "Volkskirchen" hatte er noch mehr zu sagen:
  • Man gab die Verkündigung und die Sakramente billig, man taufte, man konfirmierte, man absolvierte ein ganzes Volk, ungefragt und bedingungslos. ... man spendete Gnadenströme ohne Ende, aber der Ruf in die strenge Nachfolge Christi wurde seltener gehört.
Hört, hört!

In seinem Gedicht "Stationen auf dem Weg zur Freiheit" schreibt er später diesen eindrucksvollen Vers:
  • Tat.
    Nicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen,
    nicht im Möglichen schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen,
    nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit.
    Tritt aus ängstlichem Zögern heraus in den Sturm des Geschehens,
    nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen,
    und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend empfangen.
Damit ist Bonhoeffer nicht nur endgültig politisch, revolutiöonär, sondern er schreibt - so empfinde ich es - eine ergänzende Fortsetzung der Seilgpreisungen der Bergpredigt: "Selig sind die Mutigen, die ihre Angst überwinden und tapfer handelnd das Richtige tun."

Darin mag sich mancher eher wiederfinden, als in der Seligpreisung der demütig schweigenden und Unrecht leidenden.

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centaurea
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Re: Gedenken an Dietrich Bonhoeffer

#3 Beitrag von centaurea » 10.04.2010, 07:28

Ja, der Pfarrer forderte in seiner Ansprache an die Gemeinde ebenfalls zum verantwortlichen Handeln auf, auch wenn das Handeln selbst sündhaftes Handeln bedeutet.

tergram

Re: Gedenken an Dietrich Bonhoeffer

#4 Beitrag von tergram » 10.04.2010, 07:43

Eine interessante Frage: Ist es moralisch/religiös vertretbar, Hitler (ersetze durch: .... ) zu töten, um weitere Opfer eines Unrechtssystems zu verhindern?

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Re: Gedenken an Dietrich Bonhoeffer

#5 Beitrag von centaurea » 10.04.2010, 09:16

Der Pfarrer wagete einen Versuch:

Niemals könne Töten moralisch legitimiert werden. Auch Bonhoeffer war ein absoluter Pazifist. Töten müsse Töten bleiben, Krieg müsse Krieg bleiben und als solches sei beides Sünde. Entscheide man sich also persönlich für die Beseitigung von Hitler (oder...) begehe man Sünde, aber es könne eben notwendiges Handeln sein.
Ich hoffe, dass ich aus dem Gedächtnis sinngemäss richtig wiedergegeben habe.

Eine grosse Frage in Bezug auf Gottes Zulassung/Handeln? ist ja auch, warum er die Attentate missglücken liess. Georg Elser ist so einer, der sich für diese Tat entschieden hatte. http://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Elser

tergram

Re: Gedenken an Dietrich Bonhoeffer

#6 Beitrag von tergram » 10.04.2010, 09:21

Hat "er" den 20. Juli 1944 scheitern lassen? Wirklich?

Nach allem, was ich darüber erfahren habe, hat Stauffenberg unter Zeitnot auf der Herrentoilette, wo er die letzten Vorbereitungen treffen wollte, nur einen Sprengsatz in die berühmte Aktentasche getan, weil ihn unverhofft jemand störte. Auf den Gedanken, dass der vorgesehene zweite Satz, ausgelöst durch die Explosion des ersten, ohnehin mit hochgehen würde, kam er in seiner Panik wohl nicht. Der zweite Sprengsatz blieb also zurück, was die Wucht der Detonation halbierte und vermutlich Hitler das Leben rettete.

Was hatte Gott damit zu tun? Ich bin immer irritiert, wenn in alles mögliche, sei es gut oder schlecht, Gott hinein-geheimnis-t wird. Wenn ich aber frage, warum Gott denen nicht hilft, die in tiefer Not nach ihm rufen, wird mir bedeutet "so" dürfe man nicht fragen und ausserdem sei uns Menschlein das Wesen Gottes ohnehin verborgen. Ja wie denn nun? Da muss man sich halt mal entscheiden...

Zum Kernthema: Ich halte eine solche Tat nicht nur für moralisch vertretbar, sondern für dringend geboten. Im theoretischen Fall: Sollte Gott mir diese Tat als Sünde vorwerfen, würde ich mit ihm gern eine Diskussion zu seiner unterlassenen Hilfeleistung gegenüber Millionen unschuldiger Opfer beginnen. Sehr gern. Aber "so" darf man wohl nicht denken.

Was übrigens Bonhoeffer's - du zitiertest den Pfarrer entsprechend - absolute Haltung gegen Gewalt angeht, zitiere ich hier: .... dass ein Christ im Gehorsam gegen Jesus Christus wagen muss, Sünde auf sich zu nehmen: ja dass er in die Lage kommen kann, um der Liebe und Wahrheit willen alle Gebote zu übertreten, lügen, betrügen, stehlen und sogar morden zu müssen.

Aha. Und nu?

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Re: Gedenken an Dietrich Bonhoeffer

#7 Beitrag von centaurea » 10.04.2010, 11:56

Aha. Und nu?

Du musst schon ganz lesen: "... aber es könne eben notwendiges Handeln sein."

Die Frage nach Gottes Tun war doch eben die Frage: Warum hat Gott es nicht gelingen lassen?

Das Attentat von Georg Elser am 08.11.1939 war eines, das minutiös geplant gewesen sein soll. Der Entschluss zur Tat erfolgte wohl schon 1938. Er handelte als völliger Einzelkämpfer.

Die Bombe explodierte und eigentlich hätte alles geklappt. Aber es war Nebel über München und Hitler konnte nicht nach Berlin zurück fliegen. Also begann er ein halbe Stunde früher mit seiner Rede und reiste früher mit dem Zug ab.

Ein paar Minuten nach dem er weg war, ging die Bombe hoch....

http://www.georg-elser.de

tergram

Re: Gedenken an Dietrich Bonhoeffer

#8 Beitrag von tergram » 10.04.2010, 12:03

Ja, ich verstehe. Und was haben diese Zufälligkeiten mit Gott zu tun?

Umgekehrt könnte(!) man schlussfolgern, dass
  • es Gott gleichgültig war, wie viele unschuldige Opfer der Nationalsizialismus kostet oder
    es Gott nicht gibt.

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Re: Gedenken an Dietrich Bonhoeffer

#9 Beitrag von centaurea » 10.04.2010, 12:08

Anders rum. Warum lässt Gott es nicht gelingen? Warum hilft er nicht nach?


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