Von Seele und so

Für Zweifler und andere gute Christen
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Von Seele und so

#1 Beitrag von autor » 21.03.2010, 17:18

Von Seele und so

Versuche ich, mir zu denken, was ich bisweilen so glauben höre, selbst glaube oder glaubte, wird mir die Sache mit der Religion immer bunter. Abgesehen davon, dass alles was mit „Gott“ zu tun hat, vernünftiger Weise nicht durchdrungen werden kann, lässt sich auch nicht erklären, was der Mensch ist. Der, den ich am besten kenne ,bin Ich. „Ich“ sagen kann ich aber nur, wenn ich mich erlebe d.h. irgendeine Lebensäußerung für mich wahrnehmbar abgebe (wie z.B. Atmen, Denken oder Fußball spielen). Was gibt mir Gewissheit, was ich bin, was „Ich“ ist? Und das auch noch identisch, losgelöst vom Handeln und gar noch von Raum und Zeit? Was soll denn Seele sein?

Gibt es denn „Gott“ nur, weil „Mensch“ sich selbst nicht erklären kann? Die Vernunft ist versucht, dazu ja zu sagen.

Verlöre man den Gottglauben, verlöre man also die Selbstgewissheit. Zweifelnd am erlernten Bild des transzendentalen Eingebundenseins, muss man zu sich sagen: Ich weiß nicht, was ich bin. Man bezweifelt sich selbst. Oder man sagt zu sich (positiver formuliert): Ich bin, weil ich zweifle (etc. pp.).

Also, wenn jemand etwas über „Seele“ weiß, etwas über sie vermutet, etwas zu ihr denkt oder glaubt, dann soll er es hier in diesem Thread, je nach Gusto kontemplativ-sinnierend, trübtassig-vernünftelnd, humorvoll-gebildet, handfest-geraderaus oder frei-von-der-Leber-wech, in Schriftform zur gemeinschaftlichen Erbauung hinterlassen.

Grüße

a.

Hannes

#2 Beitrag von Hannes » 21.03.2010, 18:37

lieber autor,

hängengeblieben bin ich an deinem satz: "der, den ich am besten kenne, bin ich (...)" ... und schon da beginnt meine achterbahnfahrt mit (oder ohne?) diesen gott. aber von vorne ...

dieser gott war zeitlebens gesicherter bestandteil meines gesamten seins - mit all den fragen und unsicherheiten und den zweifeln. trotzdem habe ich mir alles durch seine existenz erklärt. erklären versucht. das mache ich auch heute noch, aber eben fast nur mit zweifel und zweifeln und manchmal verzweifeln an ihm ...

als ich das mutterschiff "kirche" verlassen habe, stand ich plötzlich im wind - alleine und ohne die kirchlichen erklärungsmuster. die (kirchen-)glaubenshütte habe ich zerschlagen. komplett und ganz. und habe erstaunt festgestellt, dass nicht mehr viel übrig geblieben ist von diesen mustern - und somit von dieser sicherheit.

jetzt zu deinem satz: kenne ich mich wirklich? ich denke nicht, weil ich ausgebildet bin im verdrängen, wegschauen, fassadenpflegen und fliehen in eine (mögliche) jenseitige welt, wenn das hier und jetzt nicht mehr trägt/erträglich ist.

aber - und das ist die crux - gott ist doch ein bild meiner selbst oder eine projektion von mir. und es kann doch auch gar nicht anders sein. ich kontempliere gott mit meinen sinnen, die aber nicht klar oder rein sind, weil da soviel an mist drauf abgelagert ist (wurde). also verändert sich mein gottesbild mit meinen veränderungen, oder?

das ist gut und das ist schlecht. denn ich hätte gerne eine gottesbeziehung, die durch alle zeiten in meinem alltag trägt. und meine kann das nicht.

dann ist da noch dieser christus, der sagt: "niemand kommt zum vater, denn durch mich." und ich höre dieses wort als interpretation der verschiedensten glaubensinstitutionen, die ja immer alle alles wissen/wussten. das hängt mir nach - und ich würde aber gerne nicht wissen, sondern erleben. gott, christus, den heiligen geist, die seele ... und weiss nicht wie und wo.

und warte zu ... mit mir und meinen tausend fragen - und vielleicht mit dem gott, der sich nicht zeigt oder doch und den ich aber nicht (mehr) wahrnehme.

und von all den vielfältigen und -schichtigen intellektuellen erklärungsmustern und erforschungen des gehirns oder der quantenphysik möchte ich erst garnicht sprechen. puh ...

hannes

autor

#3 Beitrag von autor » 22.03.2010, 21:02

Werter „Hannes“,

du bist ja ein wahres Wespennest. Kaum sanft angerührt, summt und brummt es drunter und drüber. Mit spitzem Stift zusammengefasst liest sich das so: Durch Zusammenbruch des Glaubens – Selbstzweifel. Durch antrainierte Selbstflucht keine Chance zur Selbsterkenntnis. Unvollständiges Selbst gebiert unklares und unsinnliches Gottesbild. Das Nichtwahrnehmen der Gottheit (wie sie sein müsste) stürzt wiederum in Selbstzweifel usw. ...

Vielleicht sollte man auf diesem circulus vitiosus mal einen Punkt machen, und sich ein wenig besinnen. Zum Beispiel hier:

"kenne ich mich wirklich? ich denke nicht"

Dieses „wirklich“ ist schon ein Problem. Deine Frage: Kenne ich mich wirklich?“ spricht genau jene Grenze zwischen Glauben und Wissen an: Der Mensch ist mehr (glaubt mehr zu sein) als er selbst von sich weiß (Augustin usw.). Gnothi seauton – wenn es mich nicht täuscht, verweisen nahezu alle Denkmuster des Selbsterkennens auf die Nichtigkeit des Menschen. Da das Leben als nichtiger Erdenwurm aber den meisten Menschen als wenig sinnvoll erscheint, so scheint es mir, sucht man den Sinn des Menschseins und Selbstseins irgendwie transzendental. Möglicherweise sollte man sich bei dem Versuch der Selbstwahrnehmung nicht schon von vorneherein transzendental überholen (mit Imaginationen, die es sich vielleicht einmal abgelöst von der Selbstfrage zu reflektieren lohnt) sondern zuvörderst festhalten, was man von sich wissen kann. Und das ist einiges. Man kann sich zum Beispiel ein wenig erklären, wie man so wurde und dann im gesicherten Fundament der Wahrnehmung tatsächlicher Dinge gründender Schlüsse aufbauend, vielleicht wieder einen Ausflug in die Sphären bzw. Abgründe der Ewigen Dinge wagen.

Grüße

a.

Tatyana

#4 Beitrag von Tatyana » 23.03.2010, 09:34

autor hat geschrieben: sondern zuvörderst festhalten, was man von sich wissen kann. Und das ist einiges. Man kann sich zum Beispiel ein wenig erklären, wie man so wurde und dann im gesicherten Fundament der Wahrnehmung tatsächlicher Dinge gründender Schlüsse aufbauend, vielleicht wieder einen Ausflug in die Sphären bzw. Abgründe der Ewigen Dinge wagen.
Die meisten Menschen haben eine durchaus eingefärbte Wahrnehmung vergangener Dinge. Vieles, zum Beispiel aus der frühen Kindheit, kann man zudem gar nicht wirklich selbst wissen, muss sich auf Schilderungen anderer verlassen. Die wiederum im Rückblick bewertet, eingefärbt und verändert sind.

tergram

#5 Beitrag von tergram » 23.03.2010, 09:52

Ich bin sicher: Wir alle haben nur eine eingefärbte Wahrnehmung unseres Ich's. Zwangsläufig. Wir machen uns sowohl unser Eigenbild als auch das Bild von der Welt selbst - in unseren höchst individuellen Köpfen. Und auch diese Bilder haben immer nur temporär Gültigkeit, weil auch unsere Erinnerungen 1.) gefärbt und 2.) bruchstückhaft sind.

Tatyana

#6 Beitrag von Tatyana » 23.03.2010, 11:29

...und unser Selbstbild zudem einem ständigen Wandel unterworfen ist.

Hannes

#7 Beitrag von Hannes » 23.03.2010, 11:58

tatyana, tergram autor,

jetzt weiss ich, dass ich mit meiner wahrnehmung, die aufgrund durch meiner gene und erlebnisse und sozialisation genau so ist, gott wahrnehme. und ein anderer nimmt ihn anders wahr. alle aber durch einen bestimmten filter ...

darüber steht dieser gott und sagt: "an mich müsst ihr glauben." zu jesu zeiten oder zu manchen zeiten im alten testament, hat sich gott gezeigt. durch wunder, durch naturphänomene, durch direkte ansagen (zu abraham sprach z.b. gott). wenn ich diesen schriften glauben schenken darf.

das ist dann aber für mich kein glaube mehr.

aber heute: wie und wo lässt sich dieser gott erleben? mit all den verschiedenen wahrnehmungen und interpretationen. warum glauben einige so ganz bestimmt und überzeugt und andere nicht. beide mit weniger oder mehr plausiblen erklärungen ...

hannes

Gaby

#8 Beitrag von Gaby » 23.03.2010, 12:00

Wer bist Du?

Es war einmal eine Frau, die im Koma lag. So lag sie lange. Doch dann erschien es ihr, als sei sie schon tot, als wäre sie im Himmel und stände nun vor einem Richterstuhl.

"Wer bist du?" fragte eine Stimme.

"Ich bin die Frau des Bürgermeisters" antwortete die Frau.

"Ich habe nicht gefragt, wessen Ehefrau du bist, sondern, wer du bist."

"Ich bin die Mutter von vier Kindern."

"Ich habe nicht gefragt, wessen Mutter du bist, sondern wer du bist."

"Ich bin eine Lehrerin."

"Ich habe auch nicht nach deinem Beruf gefragt, sondern wer du bist."

"Ich bin Christin."

"Ich habe nicht nach deiner Religion gefragt, sondern wer du bist."

Und so ging es immer weiter. Alles, was die Frau erwiderte, schien keine befriedigende Antwort auf die Frage "Wer bist du?" zu sein.

Irgendwann erwachte die Frau aus ihrem Koma und wurde wieder gesund. Sie beschloss nun herauszufinden, wer sie war.

Und darin lag der ganze Unterschied.

(nacherzählt nach Anthony de Mello)



Ich denke, wir werden es niemals herausfinden wer wir sind, aber ist es nicht schon wie in der Geschichte beschrieben ein Fortschritt, wenn wir erkennen, dass es darauf nicht nur eine Antwort gibt? Es gibt nun einmal viele Facetten in jedem Menschen ... und einige davon herauszufinden, das ist wohl das Leben an sich ... manchmal staunt man ja über sich selbst ;-)

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#9 Beitrag von Heidewolf » 23.03.2010, 12:00

Dr Schröter sagte neulich in Hannover, dass es ökumenisch ist, gemeinsam nach der Wahrheit zu suchen. Prüfet alles und das beste behaltet.

Also, ich habe innerlich eigentlich sehr viel von den Verhaltensmustern und Dogmen (der Konfessionen) schon vor Jahren über Bord geworfen oder zumindest auf den Prüfstand gestellt.
Gegen Lehren anzukämpfen, die eben teilweise auch Irrlehren sind, ist mir zu mühsam, ich sitze da auch überhaupt nicht an den Schalthebeln.

Es ist aber eine spannende Sache, noch etwas tiefer in die göttlichen Überlieferungen einzusteigen, unabhängig von konfessionellen Färbungen.
Das befreit dann auch von Ängsten und Verspannungen, macht irgendwie frei.

Dass der Mensch sich dann dadurch ändert, ist doch eigentlich normal. Es ist Entwicklung oder Weiterentwicklung.

Irgendwie komme ich ohne Angst Gott doch näher, habe ein gutes Gefühl.
Das sind die Weisen,
Die durch Irrtum zur Wahrheit reisen.
Die bei dem Irrtum verharren,
Das sind die Narren.

Friedrich Rückert

tergram

#10 Beitrag von tergram » 23.03.2010, 12:21

Hannes hat geschrieben:....wie und wo lässt sich dieser gott erleben?
Hannes,

ich weiss es nicht. Ich glaubte mal, es zu wissen. Aber das ist lange her. :wink:

Die, die sagen, dass sie Gott erleben, halten häufig die eigene Verblendung für eine Form der Erleuchtung. Es mag sie trösten, ihnen gut tun. Mir ist das alles zu vage, zu diffus.

Die Existenz Gottes hängt doch nicht davon ab, ob wir an ihn glauben. Und unsere Existenz hängt davon auch nicht ab. Die Gläubigen sagen, dass "Gott uns hat" - unabhängig davon, ob wir ihn haben. Na bitte.

Ich weiss das alles nicht. (Noch nicht?) Also lebe ich mein Leben - mit allen Freuden und Leiden, ganz alltagspraktisch und bodenständig. Inklusive der Selbstverpflichtung zu einer ethisch-moralisch vertretbaren Lebensweise und der aktiven Zuwendung zu den "Nächsten", die Zuwendung brauchen. Nicht mehr. Nicht weniger.

Was darüber und danach kommt, das weiss Gott. So es ihn gibt. Vielleicht ist am Ende alles wieder Eins: Das Ich, das Du, das All, das Gott...

Lass uns darüber 'später' nochmals reden. Wenn wir Frösche raus aus dem uns umgebenden Brunnenrand sind. Bei einem guten Glas Wein, von mir aus im Himmel. :wink:

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