Kirchenaustritte weiter auf hohem Niveau - Kirchen reden sich die Zahlen schön?!

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centaurea
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Kirchenaustritte weiter auf hohem Niveau - Kirchen reden sich die Zahlen schön?!

#1 Beitrag von centaurea » 25.07.2018, 23:26

Soeben lese ich im Evangelischen Gemeindeblatt für Württemberg Ausgabe 30 vom 29.07.2018* über die Entwicklung der Mitgliederzahlen 2017 in der württembergischen Landeskirche:
... zum ... 31. Dezember 2017 waren ... 2 022 740 Menschen Mitglied ...
Zum Vorjahr sind das 31.765 (1,54%) weniger.
Die Änderung ergibt sich lt. dem Artikel wie folgt:
- 17.700 Taufen
- 27.800 Verstorbene
- 2.000 Eintritte
- 17.300 Austritte

Die Schlussfolgerung des Artikels lautet wie folgt:
... Insgesamt sind 2017 mehr Menschen in die Landeskirche ein- als ausgetreten.
In einem weiteren Artikel wird über die badische Landeskirche berichtet:
Gegen den Trend ...
Im Vergleich zum Vorjahr seien es nun 18 500 Mitglieder weniger. Neuer Stand: 1,16 Millionen.
Die Änderung ergibt sich lt. dem Artikel wie folgt:
- 10.533 Austritte (Vorjahr: 10.729)
Daraus wird knapp gefolgert:
... Weil jedoch mehr evangelische Christen in Baden gestorben sind, als durch Taufe neu dazu kamen, ging die Gesamtzahl der Mitglieder der Landeskirche um 18 500 auf 1,16 Millionen zurück.
Mindestens grenzwertig ist für mich die Formulierung: "... Weil ... mehr evangelische Christen ... gestorben sind, als durch Taufe neu dazu kamen ... 18 500 ..."

Unter dem Titel "Kirchen verlieren 2017 mehr als 600.000 Mitglieder" argumentiert evangelisch.de ähnlich:
... Ursache des Mitgliederschwundes ist vor allem der demografische Wandel. ... Zugleich lag die Zahl neu oder wieder gewonnener Mitglieder höher als die der Austritte....
Die neu oder wieder gewonnenen Mitglieder (Taufen und Eintritte) werden den Austritten gegenübergestellt.
Aber die Verstorbenen bleiben bei diesen Vergleichen außen vor und man kommt so zu der Aussage: "... höher als die Austritte...".

Das ist aus meiner Sicht unredlich.
Sind die Verstorbenen denn in der Gesamtzahl der Mitglieder enthalten? Nein.
Die Getauften sind also den Verstorbenen gegenüber zu stellen und die Eintritte den Austritten.

So wird ein Schuh draus:
Beide Trends, nämlich der demographische Wert und das Verhältnis Ein- zu Austritt sind negativ. Das Verhältnis Ein- zu Austritte sogar deutlich höher als der demographische Faktor!

Nachfolgend wird die Aussage "...vor allem der demographische Faktor..." als falsch entlarvt.

Ergebnis Taufe abzgl. Verstorbene:
württ. Landeskirche: -10 100
bad. Landeskirche: -7 967
EKD: -170 000

Ergebnis Ein- abzgl. Austritte:
württ. Landeskirche: -15 300
bad. Landeskirche: -9 402
EKD: -220 000

EKD-weit stehen immerhin 180 000 Taufen den 350 000 Sterbefällen gegenüber; mickrigen 25 000 Eintritten stehen dagegen 220 000 Austritte gegenüber.


Fazit:
Nicht der demographische Wandel setzt den Kirchen zu, sondern der demographische Wandel wird durch Abkehr von der Kirche und dem damit verbundenem aktivem Austritt noch übertroffen! Einmal in absoluten Zahlen gesehen, aber um einen erheblichen Faktor stärker, wenn man das Verhältnis misst. Während Taufen zu Sterbefälle lediglich im Verhältnis ca. 1:2 stehen, sind Eintritte zu Austritte im Verhältnis von fast 1:9 weit abgeschlagen.

An der Demographie etwas zu ändern ist für eine Kirche schwer, aber sicher nicht unmöglich, wenn sie ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht wird und sich für eine entsprechende Familienpolitik einsetzt, für die Gleichberechtigung von Mann und Frau im Job steht, daran mitarbeitet dass den jungen Familien trotzdem durch entsprechende Betreuungsangebote die Familienplanung ermöglicht wird und Familien so nicht vor die Wahl gestellt werden Kind(er) oder Karriere. Immer mehr Frauen sind eben nicht bereit hier weiterhin zurückzustehen. Hier ist Kirche nicht aktiv genug, dass die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, den demographischen Faktor drehen zu können. In Frankreich ist die Geburtenrate über Jahrzehnte auf einem stabilen Niveau von 2 Kindern gewesen. Inzwischen ist dort aber auch der Wurm drin. Schade nur, dass Kirche und Diakonie hier in Deutschland seit Jahrzehnten nichts zu Wege gebracht haben.

Wesentlich mehr Möglichkeiten hat Kirche jedoch, wenn sie sich dem Verhältnis Eintritte zu Austritte stellt. Da ist richtig der Wurm drin. Denn Austritte haben nur vordergründig mit dem Sparen von Steuern zu tun.

You have to face this facts! Nur dann kommt Kirche in die Position, tatsächlich Hand anzulegen und sich zu bewegen!

Centaurea


Weitere Quellen:
Kirchenschrumpfen weiter. Badische Zeitung 21.07.2018

*ja ich weiß, aber das Datum stimmt tatsächlich.

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