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BeitragVerfasst: 15.06.2015, 23:40 
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Ausgangslage: Apostolizität und Inspiration als Kriteritum für die Zugehörigkeit zum ntl. Kanon.


Johann David Michaelis (1717-1791): Begründer der deutschen ntl. Einleitungswissenschaft.

Michaelis erkennt die Inspiriertheit der ntl. Schriften als zentrales Problem.
Schriften der Apostel werden generell als inspiriert angesehen.
Aber was ist mit den Evangelien und den weiteren Schriften, die nachweislich nicht von Aposteln geschrieben sind?
Und wodurch rechtfertigt sich deren Kanonizität, obwohl offensichtlich nicht inspiriert?

Mit fortschreiten der Erkenntnisse aus Einleitungswissenschaft und Literaturgeschichte zur Verfasserschaft und
damit Inspiriertheit der einzelnen Schriften, muss diese dogmatische Position aufgegeben werden.

Michaelis trennt in apostolische und nicht-apostolische Schriften.


Johann Salomon Semler (1725-1791) - Heilige Schrift vs. Wort Gottes

Semler geht weiter und unterscheidet zwischen Heiliger Schrift und zu allen Zeiten gültigem Wort Gottes in der Schrift.
Das Dogma der Verbalinspiration fällt diesem neuen Denken also bereits im 18. Jahrhundert zum Opfer!
Nicht wenige haben das bis heute nicht erfahren dürfen (Weder konservative Strömungen innerhalb des Christentums, noch Atheisten).

Der Kanon bleibt als rein geschichtliche Größe zurück.
Dieser ist zu unterscheiden nach bleibendem Wort Gottes und den jeweils zeitlich relevanten,
aber dem stetigen Wandel unterzogenen, Moralvorstellungen.

Semler stellt bzgl. des Alten Testaments fest, dass es keine moralische Besserung gebracht habe und somit nicht göttlich sein könne.
Er leitet dadurch eine aus meiner Sicht verhängnisvolle Trennung von Altem und Neuen Testament ein und
scheint hier insgesamt zu kurz gesprungen zu sein.

Semler unterscheidet weiter zwischen Religion und Theologie.

Theologie als wissenschaftlich kritische Methode jenseits und unabhängig der jeweiligen religösen Frömmigkeit.
Dies ermöglicht einen zunehmend freien und unvoreingenommen, durch wissenschaftliche Methoden fundierten,
kritischen Blick auf die Schriften des Kanons.


Johann Philipp Gabler (1753-1826) - Ausdifferenzierung von biblischer und dogmatischer Theologie

Gabler ermöglicht den weiten Raum der Theologie, indem er die biblische Theologie für sich stehen läßt und
ihr das historisch exegetische Verfahren zur Erhebung des Schriftsinnes zuordnet.

Er sieht diese als rein historische Disziplin, in der die göttliche Inspiriertheit keinen Platz hat.
Dabei unterscheidet er zwischen grammatischer Auslegung, die nach dem Sinn des Textes fragt und
der Erklärung des Textes als historische und philosophische Kritik.

Auf dieses Fundament stellt er die dogmatische Theologie und weist ihr die Aufgabe zu,
aktuell und relevant Theologie im Dienst von Mensch, Kirche und Gesellschaft zu treiben.
Dabei sind Rationalität, Konfessionalität und philosophische Aktualität wichtige Kriterien.

Für mich unfassbar, dass das bereits 1787 so klar in den kirchlichen und wissenschaftlichen Raum gestellt wurde.


Ferdinand Christian Baur (1792-1860) – kritische Überprüfung von Verfasserschaft und Autorität

Als Begründer der Tübinger Schule überprüft er kritisch die Verfasserschaft und die damit zusammenhängende dogmatische Autorität.
Es finden dabei die allgemein akzeptierten Regeln der Geschichtswissenschaft ihre Anwendung. Mit Baur setzt sich die Erkenntnis durch,
dass jede Schrift, eben auch des Neuen Testaments, im historischen Kontext zu sehen und zu verstehen ist.
Sein Standpunkt wird von Schnelle als kanonskritisch bezeichnet.


Heinrich Julius Holtzmann (1832-1910) – Geschichte des Kanons

Holtzmann beschränkt die Aufgabe der Einleitungswissenschaft rein auf die Geschichte des Kanons,
also wie dieser historisch entstanden ist und gesammelt wurde. Er unterscheidet dabei zwischen den Bereichen Werden und
Geschichte auf der einen und den historischen Entstehungsverhältnissen des Kanons auf der anderen Seite.

Während Baur's Standpunkt von Schnelle als kanonskritisch bezeichnet wird sieht er Holtzmann's Werk als
die Summe der Einleitungswissenschaft des 19. Jhs. an.

Danach werden neue Fragestellungen laut, die die Einleitungswissenschaft bis heute beschäftigen.


Gustav Krüger (1862-1940) – allgemeine Geschichte des Ur-Christentums

Krüger fordert, dass der Kanon keine Grenze mehr darstellen kann, sondern dass sich die Einführungswissenschaft um
die Erforschung urchristlicher Literatur und Theologie im Allgemeinen kümmern muss. Das Neue Testament ist zur damaligen Zeit
überhaupt nicht bekannt gewesen und kann daher kein geschichtliches Kriterium darstellen.


Wilhelm Wrede (1859-1906) – keine Inspiration, kein dogmatischer Kanonsbegriff

Was zum Kanon gehört und was nicht, wurde erst viel später nach der Entstehung der Schriften festgelegt.
Die Schriften in- und außerhalb des Kanons sind in ihren fließenden Übergängen wahrzunehmen.
Es kann in der historischen Erforschung also lediglich um die urchristliche Theologie- und Religionsgeschichte als Ganzes und
ohne künstliche Einengung durch den Kanon gehen.


Adolf Jülicher (1857-1938) – eine streng geschichtliche Disziplin des NT

Jülicher fokussiert wieder auf das NT und differenziert gleichzeitig aus. Er betrachtet die 27 Schriften des NT
getrennt nach Geschichte der jeweiligen ntl. Schrift, Geschichte des Kanons und des ntl. Textes.
Er begründet diese Fokussierung mit der Wirkungsgeschichte der ntl. Schriften.


Werner Georg Kümmel (1905-1995) – streng historische Disziplin mit theologischem Charakter

Die Einleitungswissenschaft ist nach Kümmel eine streng historische Disziplin, deren theologischer Charakter sich
aus der Zugehörigkeit der ntl. Schriften zum Kanon und der damit verbundenen Wirkungsgeschichte,
Rezeption und Akzeptanz in der Kirche begründet.


Philipp Vielhauer (1914-1977) – urchristliche Literaturgeschichte

Vielhauer dagegen verzichtet ganz auf den Kanonsbegriff und untersucht die Formengeschichte urchristlicher Literatur.
Dazu zählt, neben den kanonischen Schriften, eben auch die außerkanonische Literatur: „... 1. Klemensbrief, Ignatiusbriefe,
Polykarpbrief, Barnabasbrief, apokryphe Evangelien, apokryphe Apostelgeschichten und Gemeindeordnungen (Didache)...“.
Als Grenze dient hier der formgeschichtliche Übergang von der urchristlichen zur griechisch-römischen Literatur.


Diese beiden letztgenannten Positionen von Kümmel und Vielhauer sind für mich beides durchaus vorstellbare und gangbare Wege.

Für die Kirche ist sicherlich die Argumentation Kümmels, da sich jegliche Verkündigung aus dem Kanon speist, die Ausgangsbasis.
Daher ist für mich die in dieser Tradition stehende aktuelle "Einleitung in das Neue Testament" von Schnelle auch ein unbedingtes
Muß für jeden evangelischen Theologen.

Aus diesem stammen auch die vorgenannten und kurz zusammengefassten wesentlichen Entwicklungsschritte
der Einleitungswissenschaft (Rückschritte ausgelassen).

Für Schnelle ist das Ziel der ntl. Einleitungswissenschaft:
„... Die Erhellung der historischen Entstehungssituation und [der] theologischen Intentionen der ntl. urchristlichen Schriften. ...“
Daher ist es für ihn unabdingbar, dass diese streng historisch und theologisch verstanden wird.

Bzgl. seiner Beschränkung auf die Schriften des ntl. Kanons stellt Schnelle heraus, dass der Kanon als historischer Fakt und
seines damit verbundenen normativen Charakters in Kirche und Theologie auch sinnvolle Beschränkung für die Einleitungswissenschaft darstellt.

Als Konsequenz auf diese reine wirkungsgeschichtliche Argumentation beschränkt sich Schnelle auch auf die reine Entstehung der ntl. Schrift.

Angenehm ist, dass Schnelle die Schriften, auf Grund ihrer historischen Betrachtung, auch in der Reihenfolge ihrer Entstehung behandelt und
daher mit den paulinischen Schriften beginnt.

Es wird so die theologische Entwicklung bei Paulus und in den jeweiligen Denkschulen des Urchristentums und seiner Zeit in Ansätzen
deutlich und nachvollziehbar.

Schnelle beantwortet nach einer umfangreichen Literaturaufstellung jeweils folgende Fragen:

- Verfasser, Ort und Zeit der Abfassung, Empfänger
- Gliederung, Aufbau, Form
- literarische Integrität
- Traditionen und Quellen
- religionsgeschichtliche Stellung
- theologische Grundgedanken
- neuere Forschung

Diese Angaben werde ich versuchen jeweils mit den Angaben aus der Bibelkunde sinnvoll zu kombinieren.

Schnelle gibt noch einen, wie ich finde, bedeutenden Hinweis.

Das eine ist, „ … die historische Situation und theologische Intention der ntl. Texte zu ermitteln und zu würdigen. ...“

Das andere aber ist:
„ … Historische Wahrscheinlichkeitsurteile bestimmen nicht darüber, ob durch das Neue Testament Gott im Heiligen Geist zu Menschen spricht und
sie zum Glauben ruft. Dieses Geschehen ist … Selbsterweis Gottes im Heiligen Geist … und gilt … für alle biblischen Schriften. ...“.
Insofern sind und bleiben wir bei allem Wissen über die historischen Gegebenheiten weiterhin
„... auf die Selbstdeutung durch den [Heiligen] Geist angewiesen ...“.


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BeitragVerfasst: 21.06.2015, 08:02 
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Fortsetzung vom 21.06.2015 siehe oben.


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